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Pilzvergiftungen - Bericht von Tox Info Suisse

Pilzvergiftungen 2014 – Früher Beginn, am Ende aber durchschnittlich

Für die Pilzfreunde mag der frühe Saisonbeginn eine freudige Überraschung gewesen. Bei Tox Info Suisse (damals noch unter dem alten Namen Schweizerisches Toxikologisches Informationszentrum) dagegen sind wir direkt von der Bärlauchsaison in die Pilzsaison gestartet! Bereits Anfang März hat ein abenteuerlustiges Kind den ersten Pilz aus dem heimischen Garten verspiesen. Zum Glück war Pilzstücklein so klein, dass nichts weiter unternommen werden musste. So richtig in Gang gekommen ist die toxikologische Pilzsaison in der ersten Hälfte Juli. Ab dann haben die Anfragen sprunghaft zugenommen, bis wir Mitte September gut 100 Anfragen Vorsprung hatten auf den gleichen Zeitraum des Vorjahres.

2014 wurden insgesamt 702 Anfragen zu Pilzen beantwortet. Das ist zirka 6.6% mehr als im Jahr 2013. In 626 Fällen fanden auch wirklich Expositionen statt. Davon betroffen waren 350 Erwachsene, 254 Kinder und 22 Tiere. Die restlichen Anrufe betrafen Fragen zu Pilzen allgemeiner Natur wie Geniessbarkeit und Lagerung, sowie Aufwärmen von Resten einer Pilzmahlzeit. Somit sind wir nach einem schwachen 2013 wieder in den Bereich des langjährigen Durschnittes gekommen.

Die folgenden Grafiken verdeutlichen die statistischen Veränderungen, die Zahlen wurden so korrigiert, dass Mehrfachanrufe nicht berücksichtigt wurden (daher tiefere Zahlen).

Graphik 1 : Jahresverlauf im Vergleich zu 2013

Graphik 2 : Differenz zu 2013

Graphik 3 : Anzahl Anrufe pro Kanton

Im Fall von ärztlichen Anfragen wird der Anrufer gebeten, uns eine Zusammenfassung des Krankheitsverlaufes zukommen zu lassen. Das hilft uns, unsere Beratungen zu verbessern. Bezüglich Pilzvergiftungen sind 2014 81 Rückmeldungen eingegangen zu Vergiftungen, die mit grosser Sicherheit auf den Pilz zurückzuführen sind. Tabelle 1 listet diese Pilzarten und den Schweregrad der Vergiftung auf.

Bei Verläufen ohne Symptome handelt es sich meist um Kinderunfälle, bei welchen wir von besorgten Eltern angerufen werden. Unter leichten Symptomen verstehen wir Beschwerden, die spontan ohne Behandlung wieder verschwinden. Bei mittelschweren Symptomen sind medizinische Massnahmen nötig, im Fall von schweren Symptomen sind diese meist mit einer intensivmedizinischen Behandlung verbunden.

Tabelle 1

  keine 
Symtome
leichte Symptome mittlere Symptome schwere Symtome Gesamt-ergebnis
 Amanita muscaria    1  1   2
 Amanita pantherina  1    2   3
 Amanita phalloides  1    1  1 3
 Amanita strobiliformis  1       1
 Amanita virosa      1   1
 Armillaria mellea  1       1
 Armillaria ostoyae    1     1
 Boletacea    1      
 Boletus calopus      2   2
 Boletus edulis    3  1   4
 Clitocybe nebularis    3   6
 Coprinus disseminatus  1       1
 Coprinus micaceus  1       1
 Entoloma sinuatum    3     3
 Entoloma sp.  1       1
 Hypholoma fasciculare  1       1
 Inocybe rimosa  1       1
 Inocybe sp.  2       2
 Champignons à lamelles n.p.  1     2
 Lentinula edodes       2
 Lepiota sp.  1       1
 Lepiota xanthophylla  1       1
 Macrolepiota procera       2
 Marasmius oreades 1       1
 Morchella sp.       2
 Panaeolina foenisecii 1       1
 Panaeolus sp. 1       1
 Champignon n.p.   1     1
 Champignon n.p. acheté dans le commerce   2     2
 Champignon n.p. récolté soi-même, non-contrôlé   14  1 1 16 
 Pleurotus sp.   1    
 Psilocybe cubensis     1  
 Psilocybe mexicana     1   1
 Psilocybe semilanceata  3       3
 Psilocybe sp.  1    2   3
 Champignons de pelouse  2       2
 Rugosomyces carnea  1       1
 Russula olivacea    1     1
 Sparassis crispa      1   1
 Gesamtergebnis  24 37 18 2 81


An dieser Stelle gebührt einmal mehr der herzliche Dank allen Notfallpilzexperten, die bereit sind, ihr Wissen und ihre Zeit zur Verfügung zu stellen, um in solchen Fällen zu helfen! Die Arbeit der Kontrolleurinnen und Kontrolleure verdient genauso grosses Lob, da sie die Kontrolle äusserst gewissenhaft ausführen.

Am gefürchtetsten bleibt nach wie vor die Vergiftung mit amatoxinhaltigen Pilzen, allen voran mit dem Grünen Knollenblätterpilz. So wurde auch 2014 in drei Fällen Amatoxin im Urin nachgewiesen (in zwei Fällen verursacht vom Grünen Knollenblätterpilz [Amanita phalloides]und in einem Fall vom Kegelhütigen Knollenblätterpilz[Amanita virosa]). Die Umstände waren vergleichbar mit den Vorjahren – die Pilze wurden vor dem Konsum nicht einem Pilzkontrolleur oder einer –Kontrolleurin vorgelegt. Der Vergiftungsverlauf war ebenfalls typisch, ein Patient hat einen schweren Verlauf durchgemacht mit einem schwersten Leberschaden, die beiden anderen Patienten hatten neben erheblichen Brechdurchfällen einen weniger schweren Leberschaden. Alle haben sich am Schluss erholt von ihrer Vergiftung.
Hier reiht sich zudem der Kinderunfall mit dem Gelbblättrigen Giftschirmling (Lepiota xanthophylla) ein. Bereits zum zweiten Mal innert Jahresfrist hat ein Kind aus einem Blumentopf kleine Pilzli gegessen. Diese wurden als Gelbblättrige Giftschirmlinge (Lepiota xanthophylla) identifiziert. Zum Glück hatte das Kind so wenig eingenommen, dass es nicht zu einer Vergiftung gekommen ist. Trotzdem ist
Wachsamkeit angezeigt! Eine Pilzart, die wir bisher entweder aus wärmebegünstigten Gegenden (Südtessin) gekannt haben, kommt nun auf der Alpennordseite ebenfalls vor. Nicht nur in Gewächshäusern, sondern auch in ganz normalen Blumentöpfen. Bezeichnend für beide Fälle ist, dass sie im Hochsommer aufgetreten sind, als es sehr warm und feucht war.

Viel häufiger im Gegensatz zu Vergiftungen mit amatoxinhaltigen Pilzen sind Probleme mit unsachgemäss zubereiteten Speisepilzen. Bei Anfragen zu möglichen Pilzvergiftungen muss in einem ersten Schritt eine Vergiftung mit einem Giftpilz, im schlimmsten Fall mit einem amatoxinhaltigen Giftpilz ausgeschlossen werden. Wenn es sich um kommerzielle erworbene Pilze oder um kontrolliertes Sammelgut handelt, ist dieser Teil rasch erledigt. In vielen Fällen ist aber nur schon dieser erste Schritt aufwändig, hinsichtlich Zeit, Aufwand. Um nichts zu verpassen muss zudem bereits beim Verdacht auf eine Pilzvergiftung mit der Therapie begonnen werden, um keine wertvolle Zeit zu verlieren. Diese besteht in der Aktivkohlegabe, der Verabreichung des Gegenmittels und im Flüssigkeitsersatz. Da hierfür ein Spitalaufenthalt nötig ist, entstehen neben der ganzen Belastung für den Betroffenen nicht unerhebliche Kosten!
Wenn dann klar ist, dass es sich um Speisepilzproblem handelt, stellt sich oft heraus, dass die Lagerung und/oder Zubereitung nicht sachgerecht war. Das beginnt bereits beim Plastiksack im Wald oder überlagerten Pilzen beim Grossverteiler. Oft ist den Konsumenten nicht klar, dass Pilze gekühlt und nur kurz aufbewahrt werden können.

Neben den Detaillisten sind hier also auch Vereine für Pilzkunde und Kontrolleurinnen/Kontrolleure gefragt: wir können durch Information unseres Umfeldes und auf den Pilzkontrollstellen über das korrekte Sammeln, die fachgerechte Zubereitung und Aufbewahrung von Resten wesentlich dazu beitragen, dass weniger Probleme mit Speisepilzen auftreten!

Tox Info Suisse
Dr. méd. Katharina Schenk-Jäger
Pilzkontrolleurin