Newsarchiv

Genuss ohne Reue dank Pilzkontrollstellen

Hans-Peter Neukom, Sekretär VAPKO-D

Am ersten Oktoberwochenende trafen sich die Pilzkontrolleure aus der Deutschschweiz in Lenzerheide zur zweitägigen Weiterbildung und Mitgliederversammlung. Der Samstagnachmittag begann mit einem öffentlichen Vortrag über mykologische Detektivarbeit.

Um hierzulande Pilzsammler vor Vergiftungen zu schützen, wurde 1925 die Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (VAPKO) gegründet. In Zusammenarbeit mit den Gemeinden entstanden darauf die Pilzkontrollstellen. Heute unterhalten die rund 400 Mitgliedsgemeinden teilweise gemeinsam über 200 Pilzkontrollstellen. Hier sortieren VAPKO-geprüfte Pilzkontrolleure aus der Ernte jedes Sammlers giftige und ungeniessbare Pilze aus. Dies hat zweifellos schon manches Leben gerettet und viel Leid verhindert. Damit helfen Pilzkontrolleure nicht zuletzt hohe Gesundheitskosten zu sparen.

Um für das verantwortungsvolle Amt, in dem es um Tod und Leben gehen kann, fit zu sein, bilden sich die Pilzkontrolleure Jahr für Jahr weiter ­– in Vereinen, in Verbandskursen oder eben an der VAPKO-Tagung.

Organisiert wurde die diesjährige Veranstaltung von der Churer Pilzkennerin Rosemarie Kuhn, die Pilzexkursionen in der Region Lenzerheide und im Naturpark Ela durchführt, zusammen mit dem VAPKO Ex-Präsidenten Peter Kaupp. Für die Organisation und den perfekten Ablauf der Tagung sei beiden ein herzliches Dankeschön von Seiten der VAPKO ausgesprochen.

Um 13.05 Uhr eröffnete die VAPKO-Präsidentin Liliane Theurillat die Tagung. Anschliessend übergab Sie das Wort Thomas Boller, Professor für Pflanzenwissenschaften an der Universität Basel und seiner Mitarbeiterin Dr. Verena Wiemken. In einem spannenden Vortrag berichteten sie über ihre Detektivarbeit bei der DNA-Bestimmung der unterirdischen Pilznetzwerke (siehe Kasten).

Pilze bestimmen

Nach einer kurzen Pause machten sich die Pilzkontrolleure an die vielen vom Bündnerischen Verein für Pilzkunde Chur in verdankenswerterweise gesammelten Pilzarten.

    

Mit einschlägiger Literatur, Lupe und Chemikalien wurden von den fleissigen Kontrollerinnen und Kontrolleuren makroskopisch über 250 Pilzarten bestimmt. Traten Schwierigkeiten beim Bestimmen von Pilzarten auf, standen ihnen die Instruktorinnen und Instruktoren der VAPKO mit Rat und Tipps zur Verfügung. Manche Arten, wie die der Gattung der Risspilze (Inocybe), können aber von blossem Auge nicht immer eindeutig unterschieden werden. In solchen Fällen konnten die Teilnehmer die Hilfe von Erich Herzig, VAPKO-Instruktor und Ivan Cucchi, Leiter des VAPKO-Mik-Kurses, in Anspruch nehmen. Mit geschultem Auge suchten sie unter ihrem Mik beispielsweise nach glatten oder warzigen Sporen, bestimmten die Formen der Cheilo, Pleuro oder Kaulo-Zystiden. Führten auch diese Merkmale nicht zum Ziel, versuchten sie mittels Präparat der Huthaut (Hyphen der HDS) die Pilzart zu entlarven.

"An solchen Fortbildungen kommt immer eine reiche Artenvielfalt auf die Tische", sagt Heinz Eisele, Pilzkontrolleur von Volketswil und ergänzt: "So sehe ich manchmal Pilze, die ich in meiner Region nur selten oder gar nie zu Gesicht bekomme." Ständige Weiterbildung sowie der Erfahrungsaustausch unter Kolleginnen und Kollegen seien für Pilzkontrolleure eben wichtig, um das verantwortungsvolle Amt mit hundertprozentiger Sicherheit ausüben zu können.

      

Pilzbesprechung

Anschliessend wurden die bestimmten Pilze von den VAPKO-Instruktoren Xavier Schmid und Barbara Zoller besprochen. Gravierende Fehlbestimmungen von Speise- und Giftpilzen waren keine zu verzeichnen. Insgesamt wurden nur rund 15 Pilzarten falsch bestimmt. Ein junges Exemplar des Grossen Scheidlings (Volvariella gloiocephala) wurde als Tonfalber Schüppling (Pholiota lenta) bestimmt! Hätte man hier auf die Stielbasis mit der zwei-lappigen, häutigen Scheide geachtet, wäre man nicht in der Gattung der Schüpplinge gelandet. Weitere zwei Fehlbestimmungen vielen auf: Der Wurzelnde Schönkopf (Calocybe constricta) wurde mit dem Seidigen Ritterling (Tricholoma columbetta) und der Würzige Tellerling (Rodocybe truncata) mit dem Veilchen-Rötelritterling (lepista irina) verwechselt. Den Kontrolleurinnen und Kontrolleuren konnte von Seiten der VAPKO aber eine gute Note ausgestellt werden.

Freiwilliger Pilztest

Während den Pilzbestimmungsübungen konnten die Teilnehmenden wiederum einen freiwilligen Pilzerkennungstest absolvieren. Dieser wurde vom VAPKO-Kursleiter This Schenkel bestens organisiert. Von den 20 aufgelegten Pilzarten müssen mindestens 15 ohne Hilfsmittel erkannt und in die richtige Kategorie "Speisepilz", "kein Speisepilz" oder "Giftpilz" eingereiht werden. Am Test nahmen 26 Kontrolleirinnen und Kontrolleure teil – alle bestanden ihn. Vor der Pilzbesprechung geht This Schenkel auf einige Arten ein, die beim Test auflagen. Zum Beispiel auf den Ziegelgelben Schleimkopf (Cortinarius varius), der neben der Schleiereule (C. praestans), neu als Speisepilz gilt. Schenkel betont, dass dieser Schleimkopf (Phlegmacium) durch seine semmelbraune Hutfarbe, den lilavioletten Lamellen und seinem weissen Fleisch von blossem Auge gut erkennbar sei. Alle anderen Arten der grossen Gattung der Haarschleierlinge dürfen von den Pilzkontrolleuren weiterhin nicht freigegeben werden.

Apéro und Banketteessen

Um 19 Uhr traf sich die Gesellschaft im Hotel Lenzerhorn im Heidstübli zum Apéro. Für den gespendeten Apéro dankt Liliane Theurillat der Gemeinde Lenzerheide herzlich. Sie begrüsst Urs Häusermann, Gemeindepräsident von Vaz/Obervaz (Lenzerheide) und stellt Hansi Kolz von Lörach bei Basel vor, der für die musikalische Unterhaltung zuständig ist. In seiner Begrüssungsrede geht Häusermann näher auf die Gemeinde ein, welche 1476 m.ü.Meer liegt und auf einer Fläche von 4245 ha heute 2554 ständige Einwohner besitzt. Nähere Infos über Lenzerheide können unter www.vazobervaz.ch eingeholt werden. Zum Schluss wünschte er allen eine spannende und lehrreiche Pilztagung und hofft, dass er den einen oder anderen als Feriengast auf der schönen Lenzerheide wieder begrüssen kann.

Anschliessend geniesst die Festgesellschaft das Fondue Chinoise à discretion oder die Bündner Spezialität Capuns als vegetarisches Menu. Auch das vielseitige, köstliche Dessertbuffet "Lenzerhorn" findet grossen Anklang. Während des Apéros und nach dem Festessen hebt Hansi Kolz die Stimmung unter den Anwesenden mit seiner musikalischen Unterhaltung. Einmal mehr begeistert Peter Kaupp, begleitet von Hansi Kolz, auf seinem traditionellen Musikinstrument der nordaustralischen Aborigines, dem Didgeridoo, alle. Ein Abend, der nichts zu wünschen übrig lässt.

Jahresversammlung

Pünktlich am Sonntagmorgen um 9.30 Uhr treffen sich 49 Abgeordnete von Mitgliedsgemeinden im Hotel Schweizerhof zur 84. Jahresversammlung.

Nachdem die Stimmenzählerinnen Silvia Schiess und Maria Neuhäusler gewählt waren, führte die VAPKO-Präsidentin Liliane Theurillat die Versammlung in gewohnt sicherer Weise durch die Traktandenliste.

Die Jahresberichte der Präsidentin und des Kursleiters wurden unter Applaus einstimmig angenommen.

Die von der Kassiererin Michèle Meyer präsentierte Rechnung gab zu keinerlei Diskussionen Anlass. Der Antrag der Revisoren auf Annahme der Rechnung und Déchargeerteilung an den Vorstand wurde ohne Gegenstimme und Enthaltung angenommen.

Wahlen: 2011 ist kein Wahljahr und es sind keine Demissionen von Mitgliedern des Vorstandes zu vermelden. Aus privaten und geschäftlichen Gründen wird aber unser Beisitzer Jean-Claude Michel im Zentralrat als Präsident zurücktreten. Für das Amt als Zentralrats-Präsident hat sich unser Vize-Präsident Hugo Ritter für zwei Jahre zur Verfügung gestellt. Die Versammlung stimmt diesem Vorschlag einstimmig zu.

Todesfälle: Zu Ehren unserer beiden verstorbenen Pilzkontrolleuren-Kollegen, Rudolf Lehmann und Hansruedi "Amedisli" Steiner, erhebt sich die Versammlung zu einer Schweigeminute.

Ehrungen: Für ihre wertvollen Verdienste und ihren generösen Einsatz innerhalb der VAPKO wurden Jean-Claude Michel und Notta Tischhauser zu Ehrenmitgliedern der VAPKO ernannt. Ex-Präsident Peter Kaupp und Instruktorin Rita Illien gehen in ihren Laudationen treffend auf die beiden Persönlichkeiten ein.

Für die nächste VAPKO-Tagung stellt sich als Organisatorin Ruth Bernhard, Pilzkontrolleurin der Gemeinden Egg und Zürich, zur Verfügung. Unterstützt wird sie von den Vorstandsmitgliedern This Schenkel und Hans-Peter Neukom.

Ort: Männedorf/ZH, Tagungszentrum Boldern, Datum: 5. und 6. Oktober 2013. Die Präsidentin dankt ihnen herzlich für die Übernahme der Tagung.

Unter dem Traktandum Verschiedenes erläutert Jean-Claude Michel die neu gestaltete Internetseite www.vapko.ch. Zu deren wichtigsten Neuerungen gehört die erweiterte Suchfunktion nach Pilzkontrollstellen. Pilzsammler können nun mit ihrer Hilfe gezielt, im Umkreis von wenigen Kilometern, die nächstgelegene Pilzkontrollstelle finden. Dazu wird eine Karte mit dem Standort der Kontrollstelle angezeigt. Unterhalb dieser Karte sind Adresse und Öffnungszeiten des Lokals sowie die zuständigen Pilzkontrolleure vermerkt.

Pilzvergiftungen 2012

Katharina Schenk-Jäger, Verbandstoxikologin des VSVP, berichtet über die beim Schweizerischen Toxikologischen Informationszentrum (Tox-Zentrum) registrierten Pilzvergiftungen. Bis am 5. Oktober 2012 seien 563 Anfragen zu Pilzen eingegangen. Davon waren 485 Anrufe zu einer Pilzvergiftung. Das sind rund 70 Fälle mehr als 2011 zum selben Zeitpunkt. Besorgniserregend sind dabei die sechs nachgewiesenen Amatoxin-Vergiftungen durch Knollenblätterpilze. Betroffen sind eine Einzelperson sowie eine fünfköpfige Familie. Die langfristigen Folgen dieser Vergiftungen seien noch nicht genau bekannt. Nachdenklich stimmt, dass die Betroffenen das Sammelgut erwiesenermassen nicht durch einen Pilzkontrolleur hatten prüfen lassen.

"Verhexter" Hexen-Röhrling

Zum Konsum des Netzstieligen Hexen-Röhrlings (Boletus luridus) waren in letzter Zeit viele Anekdoten zu hören. Dass dieser Röhrling bei gleichzeitigem Alkoholgenuss ein Antabus-Syndrom auslösen soll, wie der Graue Falten-Tintling (Coprinus atramentarius), ist nicht durch konkrete Fallberichte bestätigt. Es handelt sich hier möglicherweise um einen Mythos. Zwar belegen Meldungen, dass der Verzehr individuelle Unverträglichkeiten hervorrufen kann, insbesondere verstärkt bei gleichzeitigem Alkoholkonsum. Anderen Berichten zufolge wird aber Boletus luridus von manchen Personen auch mit Alkohol zusammen gut vertragen.

Da dieser Hexen-Röhrling bei empfindlichen Personen – unabhängig von dieser Antabus-Symptomatik – oft zu Magen-Darm-Problemen führen kann, empfehlen die VAPKO und das Tox-Zentrum den Pilzkontrolleuren diesen "verhexten" Hexen-Röhrling weiterhin nicht freizugeben.

Acromelalga Syndrom

Das Acromelalga Syndrom ist eine schon lange bekannte Folge der gefährlichen Vergiftung durch den Japanischen Bambus-Trichterling (Clitocybe acromelalga) und dem Wohlriechenden Trichterling (C. amoenolens). Beide Trichterlinge enthalten die Giftstoffe Acromelsäure und β-Cyano-L-Alanin, wobei die Vergiftungsbeteiligung des letzteren noch nicht gesichert ist. Die Acromelsäure (Glutamat-Agonist) ist hitzeresistent und die Krankheitsbeschwerden sind dosisabhängig. Nach einer Latenzzeit von einem bis sieben Tage treten folgende Symptome mit wiederkehrendem (intermittierendem) Charakter auf: Kribbeln, Brennen und heftige Schmerzen in Füssen und Händen begleitet von starken Hautrötungen. Diese Krankheitserscheinungen können Wochen bis Monate andauern, erläutert die Verbandstoxikologin.

Clitocybe amoenolens

Bereits 1918 in Japan wurden erstmals Pilzvergiftungen durch den Bambus-Trichterling (Clitocybe acromelalga) gemeldet und als Acromelalga Syndrom beschrieben. In Europa traten ähnliche Vergiftungsfälle durch den Wohlriechenden Trichterling (Clitocybe amoenolens) in Frankreich auf und wurden erstmals 2001 beschrieben. Dieser gefährliche Trichterling kommt vor allem in Marokko, Südfrankreich und Italien vor. Auch in der Schweiz seien bereits in Genf und Wallis vereinzelte Funde von diesem seltenen Gifttrichterling gemacht worden. Verwechslungsgefahr besteht insbesondere mit bräunlichen essbaren Rötelritterlingen (z.B. Fuchsiger Rötelritterling, Lepista flaccida) und weiteren bräunlichen Trichterlingen wie den Ockerbraunen Trichterling (Clitocybe gibba). Obwohl der Wohlriechende Trichterling in der Schweiz (noch) selten auftritt, warnt Katharina Schenk-Jäger die Pilzkontrolleurinnen und -kontrolleure vor diesem heimtückischen, leicht verwechselbaren Trichterling.

Nachdem keine weiteren Meldungen zum Traktandum eingegangen sind, schliesst die Vorsitzende um 11.30 Uhr die GV und lädt zum vom Kanton Graubünden gespendeten Apéro und anschliessenden Mittagessen ein.

Kasten

Pilzdetektive erzählen aus der Praxis

DNA-Untersuchungen kennt man aus Fernsehkrimis, wo sie so manchen Täter überführen helfen. Doch nicht nur die Kriminalistik, sondern auch die Pilzsystematik und -forschung wurde in den späten 1990er Jahren durch die DNA-Analyse revolutioniert. Im spannenden Vortrag "Auf den Spuren der Pilznetzwerke: Detektivarbeit mit DNA" zeigten Thomas Boller, Professor für Pflanzenwissenschaften an der Universität Basel und seine Mitarbeiterin Dr. Verena Wiemken, aktuelle Beispiele anhand von Literatur und eigener Forschung.

In der Pilzsystematik erlaubt die DNA erstmals den Verwandtschaftsgrad verschiedener Pilzarten aufgrund ihres Erbgutes zu bestimmen. Dadurch lässt sich ein genetischer Pilzstammbaum ableiten, der erstaunliches an den Tag bringt. So etwa ist die Rötliche Wurzeltrüffel (Rhizopogon roseolus) nach der klassischen Pilz-Systematik nahe bei den Stäublingen (Lycoperdon) eingeordnet. Die DNA-Analyse jedoch zeigt nun, dass die Rötliche Wurzeltrüffel eine engere genetische Verwandtschaft zur Gattung der Schmierröhrlinge (Suillus), insbesondere dem Körnchen-Röhrling (S. granulatus), besitzt, was man bezüglich der Fruchtkörperform nicht vermuten würde.

Wood-Wide-Web

Weiter gehen Thomas Boller und Verena Wiemken auf die Lebensweise der Pilze ein, insbesondere die der Mykorrhizapilze. Alle Waldbäume gehen mit ihren Wurzeln und bestimmten Pilzen eine Ernährungsgemeinschaft (Ektomykorrhiza) ein. So besteht unterirdisch ein riesiges Netzwerk von Wurzeln und Pilzfäden, das Pflanzen- und Pilzforscher "Wood-Wide-Web" nennen, in Anlehnung an das World Wide Web (WWW). Eine Fichte etwa kann rund 50 verschiedene Ektomykorrhizapilze beherbergen und diese wiederum können mit den Wurzeln anderer Waldbäume gleichzeitig vernetzt sein. Diese unterirdische Biodiversität und das komplexe Zusammenspiel sind für die Aufrechterhaltung eines gesunden Waldes unerlässlich.

Ein aktuelles Projekt der Basler Wissenschaftler ist die Wiederbesiedelung der Fichte in den Alpenregionen. Allerdings fehlen hier grundlegende Kenntnisse über das komplexe Zusammenspiel von Ektomykorrhizapilzen und Fichte in kargen Böden. In Zukunft sollen unter anderem DNA-Analysen zeigen, welche Ektomykorrhizapilze sich besonders für eine natürliche Ansiedelung der Fichte oberhalb der Waldgrenze eignen, berichteten Boller und Wiemken in ihrem spannenden Referat. (hpn)

×