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Schirmlingsartige (1): Grössere Schirmlinge

Xanders 35. Pilzbrief

 

Lieber Jörg,

Unter den schirmlingsartigen Pilzen gibt es eine Gattung, deren Vertreter so gross sind, dass man sie Riesen-Schirmlinge (Macrolepiota) nennt. - Wahrscheinlich erstaunt es Dich, wenn ich Dir zuerst einmal sage, dass diese Riesenschirmlinge verhältnismässig nah verwandt nicht nur mit den Champignons, sondern auch mit den Wulstlingen sind. Schliesslich weiss «man» doch, dass der Parasol essbar ist, sich andererseits aber unter den Wulstlingen die heimtückischsten Mörderpilze befinden! «Giftig» und «essbar» sind aber ebenso wenig wie Hutfarben keine Kriterien, wenn es sich darum handelt, Pilze in Familien und andere Gruppen einzuteilen, um so etwas Ordnung in ihre ungeheure Vielfalt zu erhalten.

Die verschiedenen Riesenschirmlinge sind Weisssporer und wirklich stattliche und meist auch fleischige Blätterpilze. Wenn ihr Hut aufschirmt, zerreisst seine trockene Oberschicht in grössere oder kleinere, zuweilen auch faserige Schuppen, die aber nicht abgewischt werden können. Die Lamellen sind dünn, hellfarbig oder ganz weiss und berühren den Stiel nicht; sie sind also frei. Dies ist mit ein Grund, warum sich der Stiel sehr leicht vom Hut trennen lässt. Der Stiel hat eine knollige Basis, die aber keinerlei Scheide oder warzige Reste einer Aussenhülle aufweist. Dafür trägt der Stiel oberhalb der Mitte Reste einer Hülle. Dieser Ring ist meist verschiebbar und oft kompliziert gebaut. (Die entsprechenden Reste bei den Wulstlingen nennt man Manschette; diese ist nie verschiebbar, sondern hängt schlaff herab.)

Star unter diesen Pilzen ist natürlich der Parasol (Macrolepiota procera) oder einfach der Riesenschirmling (Abbildung 1 und 2). Mir gefällt auch sein italienischer Name, wird er doch bei unseren südlichen Nachbarn "mazza di tamburo", also Paukenschlegel genannt. So sehen nämlich junge Fruchtkörper aus! Ihr Hut ist eiförmig und noch geschlossen, eben gerade wie der Kopfteil des Schlegels. Wenn der Hut dann aufschirmt, kann er einen Durchmesser von gegen 30 cm erreichen; ohne jeden Zweifel gehört der Parasol also zu unseren grössten Blätterpilzen. Beim Aufschirmen wächst zwar das helle Hutfleisch, nicht aber die ursprüngliche braune Huthaut. Deshalb wird diese in viele Schuppen zerrissen. Da das Wachstum in der äusseren Huthälfte am stärksten ist, scheint es nur natürlich, dass dort die Schuppen weiter auseinander stehen als weiter innen; die bucklige Mitte bleibt sogar schön braun und glatt. Eine ähnliche Entwicklung ist auch an den Stielen zu beobachten. Auch ihre Rinde ist ursprünglich gleichmässig braun. Wenn das Längenwachstum einsetzt, zerreisst die Stielrinde in braune Querbänder, die sich deutlich von der darunterliegenden Schicht abheben. Einen so gezeichneten Stiel nennt man genattert. - Beim noch jungen Pilz liegt der Hutrand dem Stiel an, und sowohl die Oberhaut des Hutes als auch eine weitere Schicht darunter ist mit dem Stiel verbunden. Der Ring, der später als Rest am Stiel zurückbleibt, ist deshalb doppelt ausgebildet und an der Rissstelle fransig bis fetzig gerandet. Der Ring ist verschiebbar (Ringform 5).

Das Hutfleisch ist weich, weiss, riecht angenehm und schmeckt nach Haselnüssen Es ist auch sehr gut zu essen, wenn man den Hut wie ein Kotelett in der pfanne gut brät. Nicht so der Stiel; dieser ist nämlich faserigzäh, schliesslich fast holzig. Sonderbarerweise kommt es trotzdem nicht selten vor, dass unser Toxikologe in seinen Jahresberichten auch gerade den Parasol erwähnt, wenn er von Pilzvergiftungen spricht. In den seltensten Fällen dürfte es sich dabei meiner Meinung nach um Verwechslungen mit wirklichen Giftpilzen gehandelt haben. Viel eher sind es wohl zwei andere Gründe, die zu Vergiftungen führen. Der Riesenschirmling ist nämlich nicht nur einer unserer grössten, sondern auch ein recht häufiger Blätterpilz, der an Waldrändern, in Waldwiesen, lichten Nadel- und Laubwäldern und auch in Gärten vorkommt. Darum ist er wohl der bekannteste wild- wachsende Lamellenpilz. «Man» kennt ihn also. So wie einer meiner Kollegen ihn kannte. Weil dieser aber doch ganz sicher sein wollte, bat er mich in seinen parkähnlichen Garten. Tatsächlich, mindestens zwei Dutzend Parasole standen in der Nähe einer Zypresse. Ich pflückte einen - und musste darauf meinen Kollegen arg enttäuschen. Nicht nur war der Hut des Pilzes schon recht schwammig anzufühlen; auch die Lamellen waren schon stark braunfleckig, der ganze Pilz also überständig und darum nicht mehr zu geniessen. Ich bin sicher, die Familie hätte Bauchgrimmen gekriegt nach einer solchen Riesenschirmling-Mahlzeit. - Meine zweite Vermutung hat etwas mit der Zubereitungsart zu tun. Natürlich ist das gut gebratene Pilz-Kotelett ein Leckerbissen; aber es darf nicht ein Zweiminutenschnitzel sein! Dieses ist nämlich praktisch noch roh und darum wie fast alle Speisepilze in ungekochtem Zustand recht eigentlich giftig.

Auch wenn ich vermute, der Parasol wäre wohl unser bekanntester Blätterpilz, bin ich doch davon überzeugt, dass er häufig verwechselt wird. Sein «Doppelgänger» wird aber ohne nachteilige Folgen verspeist. Dabei dürfte es sich in den meisten Fällen um einen der essbaren «Brüder», vorab um den Rötenden- oder Safranschirmling (Macrolepiota rachodes [fälschlich meist rhacodes geschrieben]) handeln (Abb. 3). Auch dieser Pilz wird recht gross, doch erreicht er die Extremmasse des Parasols bei weitem nicht. Auch die Hutoberseiten der bei den ähneln sich sehr, wobei die sparrigen Schuppen des Rötenden manchmal noch etwas ausgeprägter sind. Wie der Name sagt, rötet dieser Pilz: Er rötet, wenn Du über seine Lamellen streichst; auch das zunächst weisse Fleisch läuft bei Verletzung lebhaft gelbrot oder safranrot an. Und auch der Stiel rötet, was sehr gut beobachtet werden kann, da er nicht genattert, sondern zuerst gleichmässig weiss und später etwas schmutzigbräunlich ist. Wie der Parasol bevorzugt auch der Safranschirmling Parkanlagen und lichte Wälder, wo er besonders bei Rottannen zu finden ist.

Noch eine Nummer kleiner als der Safranschirmling ist der Jungfern-Schirmling (Macrolepiota puellaris) (Abb. 4). Junge Exemplare sind ganz weiss, sogar die Schüppchen sind weiss. Ich fand einmal einen ganzen Trupp in einem Fichtenwald der Alpen; den prachtvollen Anblick werde ich nicht vergessen. Ältere Pilze bekommen eine zuerst gelbliche und dann eine bräunliche Scheibe, und der Stiel wird etwas bräunlich. Lamellen und Fleisch röten ganz schwach, weshalb der Pilz früher als eine Unterart des Safran-Schirmlings betrachtet wurde.

Kaum in Wäldern, dafür aber auf Wiesen und Äckern ist der Acker-Schirmling (Macrolepiota excoriata) zu finden - sein Name erklärt sich also von selbst (Abb. 5). Der bis 12 cm grosse Pilz heisst aber auch noch Geschundener Schirmling, und dieser Name ist ebenso zutreffend: Der Hutrand des aufgeschirmten Pilzes ist nämlich nicht glatt, sondern zackig-fransig vom Stiel abgerissen, so dass der Rand wie geschunden erscheint. Im Gegensatz zu den schon erwähnten Riesenschirmling-Arten weist der Hut des Geschundenen nicht dachziegelige, sondern eher angedrückte Schuppen auf. Diese sind blassbräunlich und heben sich vom weisslichen Untergrund nur wenig ab. Der Stiel ist kahl und nicht genattert, und der Pilz rötet nirgends. Sein Ring ist verhältnismässig dünn, nicht doppelt wie beim Parasol, dafür aber zweifach gekniet (Ringform 2).

Als letzter Vertreter der eigentlichen Riesenschirmlinge sei der Zitzenschirmling (Macrolepiota gracilenta) genannt (Abb. 6). Dieser ähnelt dem Parasol sehr (er hat zum Beispiel auch einen genatterten Stiel, und er rötet nirgends), ist aber in allen Ausmassen bedeutend schmächtiger, so dass er geradezu als Kleinausgabe des grossen Bruders betrachtet werden kann. Ein weiterer deutscher Name ist denn auch Schlanker Riesenschirmling. So erreicht sein Hut, der einen Buckel aufweist und nur mit kleinen Schuppen bedeckt ist, einen Durchmesser von höchstens 15 cm. Auch der Ring ist merklich kleiner und bei jungen Exemplaren trichterig aufsteigend (Ringform 4).

Auch der Spitzschuppige oder Kegelschuppige Schirmling (Lepiota aspera) (Abb. 7) kann bis 15 cm Hutdurchmesser, also recht stattliche Ausmasse erreichen, gehört aber nicht in die gleiche Gattung wie die Riesenschirmlinge (Macrolepiota), sondern zu den «gewöhnlichen» Schirmlingen (Lepiota). Schon sein Name weist auf den entscheidenden Unterschied hin: Die rostbraunen, meist sehr zahlreichen und konzentrisch angeordneten Hutschuppen sind ausgesprochen spitzkegelig und nicht flach und auch nicht dachziegelig wie diejenigen der Macrolepiota-Vertreter. Vom weissen, seidigen Untergrund heben sie sich sehr deutlich ab. Der noch geschlossene, halbkugelige Hut gleicht einem kleinen Igel; später ist er ausgebreitet, behält aber immer seinen Buckel. Die weissen Lamellen sind sehr dichtstehend, gegabelt und an der Schneide feingekerbt. Der kräftige Stiel ist oberhalb des Ringes weiss oder nur blass bräunlich und etwas gerieft. Viel gröber ist das unterste Stieldrittel, das oft mit vielen dunkelbraunen und gürtelig angeordneten Schuppen versehen ist. Die Basis selbst ist knollig; nicht selten bleiben am gepflückten Pilzmycelfasern daran hängen. Wie die Schuppen unterscheidet sich auch der Ring dieses Pilzes deutlich von demjenigen der Riesenschirmlinge. Beim Spitzschuppigen ist er nämlich weder doppelt noch verschiebbar noch sonst wie kompliziert gebaut. Vielmehr ist er einfach, dünn, häutig und herabhangend (Ringform 1). Auf der Oberseite ist der Ring weiss, auf der Unterseite und am Rand aber bräunlich.

Der recht hübsche Pilz ist in unseren Wäldern, aber auch in Gärten und Parkanlagen nicht selten zu finden. Er taucht auch ziemlich häufig in den PilzkontrollsteIlen auf. Dort wird man ihn aber auf den Abfallhaufen werfen; denn der Kegelschuppige Schirmling hat nicht nur einen widerlichen Geruch, sondern er ist auch leicht giftig.

Vertreter einer ebenfalls mittelgross werdenden Gattung von schirmlingsartigen ist der Kompost-Egerlingsschirmling (Leucoagaricus pudicus). Dass er schon manches Kopfzerbrechen verursacht hat, ist auch daraus zu ersehen, dass der Pilz in älteren Büchern als Lepiota naucina, in neuesten aber Leucoagaricus leucothites genannt wird. Auch im Deutschen besitzt er in «Rosablättriger Schirmpilz» und «Rosa blättriger Egerlingsschirmpilz» noch weitere Namen. Dies alles ändert nichts daran, dass unser Pilz ausgesprochen schön ist. Der schneeweisse, fast glatte und seidige Hut stösst zuerst wie ein oben abgerundeter Zylinder aus dem Boden, um bald darauf halbkugelig und schliesslich ganz ausgebreitet zu werden. Manchmal ist sein Rand noch gardinenartig mit kleinen, weissen Fetzen behangen. Ihr Gegenstück bleibt am Stiel als dünner, häutiger Ring zurück (Ringform 3). Dieser ist ebenfalls weiss und etwas beweglich, aber nicht doppelt ausgebildet wie bei den Riesenschirmlingen. Auch die Lamellen sind anfänglich weiss, später werden sie leicht rosa - was ja auch in einigen seiner Namen zum Ausdruck kommt. - Seit 1992 überrascht er nicht nur mich, sondern auch viele andere Pilzamateure durch sein Massenauftreten. Anfangs September fand er sich in unzähligen Gärten und narrte viele Gartenfreunde, die in ihm etwas Champignon - oder auch Knollenblätterpilzähnliches sahen und der Sache doch nicht ganz trauten.

Der Kompost-Egerlingsschirmling hat noch einige ihm ähnliche, nähere Verwandte; sie sind aber seltener zu finden. Das wär's über einige grössere Schirmlingsartige. Sei gegrüsst von

 

Deinem Xander

Ringformen bei grösseren Schirmlingen

1. Typ Lepiota aspera - Spitzschupiger Schirmling
2. Typ Macrolepiota excoriata - Acker-Schirmling
3. Typ Leucoagaricus pudicus - Kompost-Egerlingsschirmling
4. Typ Macrolepiota gracilenta - Zitzenschirmling
5. Typ Macrolepiota procera - Parasol, Riesenschirmling
 
Fotos

1. Macrolepiota procera, Riesenschirmling oder Parasol

2. Macrolepiota procera, junger Fruchtkörper
3. Macrolepiota rachodes, Rötender- oder Safranschirmling
4. Macrolepiota puellaris, Jungfern-Schirmling
5. Macrolepiota excoriata, Acker- oder Geschundener Schirmling
6. Macrolepiota gracilenta, Zitzenschirmling

7. Lepiota aspera, Spitzschuppiger oder Kegelschuppiger Schirmling

Foto: Georg Müller

8. Leucoagaricus pudicus = leucothites,

Kompost-Egerlingsschirmling oder Rosablättriger Schirmpilz

Foto: Georg Müller