Druckversion  

Deutsche und lateinische Pilznamen

Xanders 33. Pilzbrief

 

Lieber Jörg,

Dieses Thema aufzugreifen, habe ich lange gezögert. Zum einen ist es nämlich alles andere als einfach, und zum andern gibt es dabei auch Meinungsverschiedenheiten.

Seit eh und je hat der Mensch sowohl Lebewesen als auch tote Dinge benannt, die aus irgend einem Grund sein Interesse weckten. Zum Beispiel deshalb, weil sie zu Speisezwecken in Frage kamen; denn schliesslich will man ja wissen, was man isst. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass Pilznamen wie Morchel, Pfifferling, Hallimasch, Täubling, Trüffel und Reizker zum Teil schon sehr alte Pilznamen sind. So alt, dass wir ihre ursprüngliche Bedeutung auf den ersten Blick (und vielleicht auch noch auf den zweiten) kaum mehr zu erkennen vermögen. Das Wort «Morchel» geht zum Beispiel auf das schon vor einem Jahrtausend benützte Wort «moraha» zurück, das gewisse Nutzpflanzen, vor allem aber die Wilde Möhre (= Mohrrübe, Daucus carota, die Urform unserer Rübe) bezeichnete, deren Wurzel eine gewisse Ähnlichkeit mit der Spitzmorchel hat. Solche Zusammenhänge sind faszinierend. Wenn Du Dich um weitere interessierst, möchte ich Dich auf das «Handbuch für Pilzfreunde» von E. Michael, B. Hennig und H. Kreisel hinweisen. In Band 111 findet sich ein sehr lesenswerter Beitrag über «Herkunft und Ableitung der deutschen Pilznamen».

Die meisten deutschen Pilznamen sind allerdings sehr viel jüngeren Datums und stammen aus diesem oder dem letzten Jahrhundert. Wenn es gute Namen sind, treffen sie den entscheidenden Punkt, d. h. sie geben einen Hinweis auf das auffälligste Merkmal des Pilzes. Oft betrifft dies das äussere Erscheinungsbild des Pilzes (Spitzhütiger Knollenblätterpilz, Samtfusskrempling, Ziegelroter Risspilz, Hohlfuss-Röhrling usw.); der Name kann sich aber auch auf den Geschmack (Speitäubling, Gallenröhrling), den Geruch (Maggipilz, Knoblauchschwindling), das jahreszeitliche Vorkommen (Mairitterling, Winterpilz), den Standort (Stockschwämmchen, Trottoirchampignon) oder begleitende Bäume (Zirbenröhrling) oder sogar die Zubereitungsart beziehen (Brätling).

Das deutsche Sprachgebiet ist recht gross. Darum kommt es häufig vor, dass man für ein und denselben Pilz an verschiedenen Orten eben verschiedene Namen benützt. Die einen sagen «Parasol», die andern «Riesenschirmling», und alle meinen den gleichen Pilz. Der Schusterpilz ist auch dasselbe wie der Flockenstielige Hexenröhrling und nochmals dasselbe wie der Gauklerpilz. Und was wir als Eierschwamm bezeichnen, nennt man in anderen Gegenden Eierpilz, Eierli, Gelbling, Gehling, Geelchen, Hühnerpilz, Pfifferling, Rehling, Reherioder Dottergelber leistling. Wobei ich ganz sicher bin, dass diese liste noch längst nicht vollständig ist.

Aber auch das Gegenteil kommt vor: dass verschiedene Pilze den genau gleichen Namen tragen. So kann mit «Erdschieber», der Gemeine Weisstäubling gemeint sein. Aber auch der Wollige Milchling wird so genannt, und in einem älteren Pilzbuch fand ich sogar den Grubigen Milchling unter dem Namen Erdschieber.

Wie viele deutsche Pilznamen es im ganzen gibt, kann wohl niemand sagen. Der Volksmund hat allerdings die meisten Pilze gar nicht benannt. Die ganz kleinen Hutpilze, fast alle Becherlinge, ganz zu schweigen von der ungeheuren Menge der Rindenpilze, der Schleimpilze oder der Pilze ohne Fruchtkörper kommen doch für den Kochtopf nie und nimmer in Frage und blieben in unserer Volkssprache darum verständlicherweise ohne Eigennamen. Und wenn man sie wirklich einmal bemerkte, hiessen sie einfach «Pilze». Wahrscheinlich liessen sich die gleichen oder doch ganz ähnliche Bemerkungen über Pilznamen auch für andere Sprachen machen.

Für einen Wissenschafter ist einiges vom oben Gesagten aber sehr unbefriedigend. Für ihn ist es ebenso unhaltbar, dass ein bestimmter pilz mehr als einen Namen haben kann wie auch, dass verschiedene Pilzarten gleich heissen können. Und wenn der Mykologe eine Pilzart sieht, die vor ihm noch niemand beschrieben hat, freut er sich, auch wenn der Pilz noch so klein oder unscheinbar oder zu gar nichts nütze ist. Vielmehr untersucht er seinen Fund genau, beschreibt ihn und gibt ihm einen lateinischen Namen. Dieses wissenschaftliche Namengeben ist nicht immer reibungslos abgelaufen, und darum gibt es heute ein ganzes Buch voll Regeln, wie solche Namen zustande kommen sollen. Die wichtigsten Regeln lauten:

1.

 
Der Name muss lateinisch sein.

2.

 
Eine Pilzart darf nur einen einzigen Namen haben.

3.

 
Der gleiche Name darf nicht für mehrere Pilze verwendet werden.

4.

 
Der Name einer Pilzart muss aus zwei Wörtern bestehen, nämlich dem Gattungsnamen und dem Artnamen. Beispiel: Amanita phalloides.

5.

 
Der Gattungsname steht an erster Stelle und wird gross geschrieben. Beispiel: Amanita.

6.

 
Der Artname folgt an zweiter Stelle und wird klein geschrieben. Beispiel: phalloides. - Der schwedische Naturforscher Carl Linné (1707-1778) war der erste, der diese binäre (= zweiteilige) Namensgebung durchwegs benützte. Er tat dies allerdings nicht bei den Pilzen, sondern bei den grünen Pflanzen.

7.

 
Wer einen neuentdeckten Pilz «gültig» benennen will, muss eine Beschreibung des Pilzes in lateinischer Sprache (eine «Diagnose») verfassen und diese veröffentlichen. Wenn verschiedene Mykologen dies tun, gilt der zuerst veröffentlichte Name. offensichtlich ist dies eine sehr vernünftige Regel. Trotzdem hat sie schon unzählige Schwierigkeiten bereitet. Es kommt nämlich immer wieder vor, dass man in alten Publikationen Beschreibungen mit Namen findet, die längst vergessen gegangen sind. Darum wird der alte Artname gewissermassen «reaktiviert», was zur Folge haben kann, dass ein anderer Name, der während vielen Jahren von allen Pilzkennern benützt wurde, plötzlich nicht mehr gilt. Wir Laien erfahren das meist erst dann, wenn der neue «Moser» oder irgend ein anderes Pilzbuch zu unserem Leidwesen «schon wieder so viele Namen geändert hat». Diese Bemerkung betrifft nur Artnamen. Für Gattungsnamen gelten andere Regeln, auf die hier nicht eingegangen werden soll.

 

Natürlich weiss ich, dass viele deutschsprachige Pilzliebhaber die lateinischen Namen ganz und gar nicht schätzen. lateinische Namen haben aber eben auch ihr Gutes:

1.  
Wie schon erwähnt, haben sehr viele Pilze gar keinen deutschen Namen. Der neueste «Moser» schlüsselt zum Beispiel 153 verschiedene Rötlingsarten auf. Jede von ihnen hat natürlich einen lateinischen Namen; aber nur bei 15 (= 10%) ist auch ein deutscher Name angegeben.
2.  
Natürlich könnte man die übrigen 138 Rötlingsarten auch noch verdeutschen. Aber zum einen würden sie recht künstlich wirken, und zum andern benützen jene Spezialisten, die «von Rötlingen angefressen sind» sowieso nur lateinische Namen. Auch ihre Spezialliteratur verwendet nur lateinische Namen - unabhängig davon, ob das betreffende Buch in Deutschland oder Holland oder in irgendeinem andern land erscheint.
3.  
Genau wie die guten deutschen Namen treffen auch die guten lateinischen Namen den entscheidenden Punkt und weisen damit auf ein (oder das) auffällige Merkmal des Pilzes hin.
4.  

Wahrscheinlich wendest Du jetzt ein, dies töne zwar sehr schön, nütze Dir aber überhaupt nichts, weil Du gar nie lateinisch gelernt hättest. - Natürlich stimmt Dein Einwand; ich behaupte aber, dass Du viel mehr lateinisch verstehst, als Du wohl ahnst. Unter den Rötlingen ohne deutsche Namen gibt es zum Beispiel die folgenden Artnamen:

  -
parasiticus: Sicher ist hier leicht einzusehen, dass dies eine schmarotzende Art ist. Sie wächst zum Beispiel auf alten Eierschwämmen.
  -
rhombisporum: Die Sporen sind rhombenförmig, ähneln also den Gaba-Zeltli.
  -
prismatospermum: Diese Sporen sind prismatisch.
  -
engadinus: Der Pilz wurde aus dem Engadin bekannt. Im Mittelland fehlt er; sein Vorkommen beschränkt sich auf die subalpine Stufe.
  -

xylophilus: Das Xylophon besteht aus Holzplättchen, und frankophil ist, wer die französiche Kultur liebt. Unser Pilz liebt das Holz, d.h. er wächst nicht auf dem Erdboden, sondern auf Holz.

5.  

Auch wenn nur wenige von uns lateinisch gelernt haben, besitzen doch die meisten einige Fremdsprachenkenntnisse. Ich behaupte, dass in sehr vielen lateinischen Pilznamen Wörter stecken, die wir mit ein bisschen Phantasie auch schon im Französischen, Italienischen, Englischen oder sonst wie in Fremdwörtern gehört haben. So tragen weitere Rötlingsarten die folgenden Artnamen:

  - pollens: = pallido (it.)  = pâle (fr.) = pale (engl.) = bleich
  - rugosus:   = rugoso (it.) = rugueux (fr.)    = runzelig
  - scabrosus: = scabroso (it.)     = rauh, schuppig
  - corvinus: = Corvo (it.) = corbeau (fr.)   = Rabe (der Pilz ist rabenschwarz)
  - coelestinum:  = celeste (it.) = celeste (fr.) = celestial (engl.) = himmlisch (himmelblau)
  - costatum: = costa (it.) = tote (fr.)   = Rippe. Die Lamellen dieses Pilzes weisen Querrippen auf.

 

Ich weiss sehr wohl, dass dieser Brief ein schwerer Brocken ist. Trotzdem hoffe ich, Du werdest ihn gut verdauen.

 

Dein Xander