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Die Milchlinge

Xanders 31. Pilzbrief

 

Lieber Jörg,

Nachdem ich Dir letztes Jahr eingehend über die Täublinge berichtet habe, ist es fast zwingend, dass ich Dich heuer nun über die Milchlinge orientiere. Zur Beruhigung kann ich Dir versichern, dass die Milchlinge mit wenig Ausnahmen leichter zu bestimmen sind als die viel arten reichere Gattung Russula. Zusammen mit der Gattung Russula (Täublinge) bildet die Gattung Lactarius (Milchlinge) nach der Systematik eine kleine Ordnung: die Russulales, oder Täublingsartigen Pilze. Sie unterscheiden sich von den anderen Blätterpilzen durch die besondere Struktur des Fleisches (dieses enthält nämlich Nester von Kugelzellen, die Sphaerozysten) und wegen der charakteristischen Ornamentation der Sporen (deren Warzen, Rippen und Vergratungen reagieren in Jod-Jodkali im Gegensatz zur eigentlichen Spore blauschwarz, sie sind also amyloid).

Wie gehst Du vor, wenn Du Milchlinge bestimmen willst? Wenn Du meine Anweisungen befolgst, wird Dir die Bestimmung leichter fallen. Da auch die Milchlinge Mykorrhiza-Pilze sind, also in einer Ernährungsgemeinschaft mit verschiedenen Bäumen stehen, ist es wichtig, sich den Standort zu merken und zu beobachten, bei welcher Baumart der Pilz wächst. Die Milchlinge wie auch die Täublinge besitzen spezielle Hyphen, die Laticiferen, welche die Natur geschaffen hat, Milchsaft zu führen. Während die Täublinge keine Milch führen, kommen die Laticiferen der Milchlinge ihrer Bestimmung nach. Diese Milch ist uns für die Bestimmung sehr wichtig. Beobachte, wenn Du einen Milchling verletzest, welche Farbe die Milch zeigt und ob diese Farbe sich an der Luft verändert oder eben unveränderlich ist. Koste mit der Zungenspitze, ob die Milch scharf brennt oder mild ist oder aber den Rachen hinunter kratzt.

Da die Milchlinge in Sachen Umgebung wählerisch sind, merke Dir, ob Du eine Art in der Ebene oder im Gebirge gefunden hast. Stand der Pilz auf Kalk- oder Silikatboden, im Moor oder auf einem trockeneren Boden? Die Lamellenhaltung bei den Milchlingen ist von sekundärer Bedeutung, frei sind sie aber nie. Das gleiche gilt auch für die Farbe des Sporenstaubes. Dies sehr im Gegensatz zu den Täublingen (!), wie ich Dir seinerzeit schrieb. Wichtig aber ist festzustellen, ob der Hut trocken, fein filzig-schuppig oder aber deutlich schmierig-klebrig ist. Im Gegensatz zu den meisten Täublingen ist die Hutdeckschicht der Milchlinge nicht differenziert, d. h. man kann sie nicht ablösen. Auch die Farben der Fruchtkörper sind in der Art wesentlich konstanter. Die Pilze sind auch nicht so farbenprächtig, wie es bei vielen Täublingen der Fall ist. Wegen der Sphaerozysten ist das Fleisch brüchig. Nicht aber die Lamellen! Diese sind aus mehr oder weniger fädigen Hyphen aufgebaut. Sie sind von wachsartig-häutiger Konsistenz und nicht splitterig wie bei den Täublingen. Die ganz knappe Diagnose eines Milchlings lautet: Zentralgestielter, lamelliger Pilz, ohne Velum und bei Verletzung milchend.

Nach der modernen Systematik werden die Milchlinge nach Milchfarbe und deren Veränderung auf den Lamellen, der Beschaffenheit der Hutdeckschicht sowie der Hutfarbe in 16 Sektionen eingeteilt. Von dem allem zu berichten, würde den Rahmen unseres Briefwechsels sprengen. Ich stelle Dir in der Folge einige wichtige und häufigere Arten vor, damit Du Dich in die Probleme der Milchlinge einleben kannst.

Sektion Dapetes

Die "Könige» der Milchlinge sind wohl die schon im Mittelalter bekannten, auffallend orange bis rot milchenden Blutreizker, die bis heute als Speisepilze populär geblieben sind. Diese kleine Sektion Dapetes enthält fünf verschiedene, einander sehr ähnliche Arten, aber mit eindeutigen Merkmalen. Der bei uns wohl häufigste Reizker ist der Fichtenreizker (L. deterrimus, Abbildung 1), der bei der Rottanne (Picea abies) auf Kalk wächst. Seine orangerote Milch verfärbt langsam zu blutrot, und der Hut weist im Alter spangrüne Partien auf. Der Stiel ist glatt und nicht grubig.

Der Lachsreizker (L. salmonicolor, Abbildung 2) ist hingegen ein Begleiter der Weisstanne (Abies alba). Er zeichnet sich durch kräftigen Wuchs, einen grubigen Stiel und speckig glänzenden Hut aus. Die Milch färbt in einigen Minuten weinrot bis purpurbraun. Eine Eigenheit dieser Art ist, dass sie überhaupt nicht oder nur in Spuren grünt.

Viel seltener in unseren Breiten sind der Edelreizker (L. deliciosus, Abbildung 3) und der Weinrote Kiefernreizker (L. sanguifluus, Abbildung 4), die aber im Mittelmeerraum häufig vorkommen. Diese beiden Arten grünen nur wenig und besitzen einen gezonten Hut und einen grubigen Stiel. Während die Milch beim Edelreizker spärlich und orange ist und das Fleisch leicht grünlich färbt, zeigt sich die Milch beim Weinroten Kiefernreizker schon am Anfang bei Verletzung blutrot und dunkelt zu weinrot nach. Beide Arten - ein Name sagt's schon - sind Föhrenbegleiter meist auf Kalk.

Es bleibt noch der Spangrüne Kiefernreizker (L. semisanguifluus, Abbildung 5), der ebenfalls bei Föhren auf Kalk in warmen Gegenden zu finden ist. Sein Stiel weist keine Gruben auf. Die orangerote Milch verfärbt sich in nur wenigen Minuten weinrot. Sehr typisch für diese Art ist das starke Grünen, das oft den ganzen Fruchtkörper erfasst.

Sektion Tricholomoidei

Während die Sektion Dapetes einen kahlen Hut aufweist, zeichnen sich die Fruchtkörper der Sektion Tricholomoidei durch mehr oder weniger deutlich filzig-zottigen bis bärtigen Hutrand aus. Ihre Milch ist stets weiss, bei einigen Arten an der Luft deutlich gilbend. Alle Arten dieser Sektion sind ungeniessbar oder giftig.

Beispiele sind die Birkenbegleiter, der gezonte Birkenreizker (L. torminosus, Abbildung 6) mit fleischrötlichem Hut und dunklerer Zonung und der ungezonte Blasse Zottenreizker (L. pubescens, Abbildung 7) mit weisslichem bis hell rosa getöntem Hut. Beide Arten besitzen eine weisse unveränderliche und sehr scharfe Milch. In die gleiche Sektion gehört der giftige und häufig gefundene Grubige Milchling (L. scrobiculatus, Abbildung 8). Nur im jungen Zustand wird man am Hutrand eine leichte filzig-zottige Zone erkennen können. Der Stiel weist deutliche Gruben auf, die an die Blutreizker erinnern. Ein ganz typisches Merkmal ist die brennend scharfe, weisse Milch, die innert Sekunden schwefelgelb anläuft. Der schmutzig-ockergelbe Hut ist leicht gezont. Man findet ihn in Bergnadelwäldern auf Kalk.

Das wäre eine erste Gruppe von häufigen Milchlingen; über weitere sollst Du in meinem nächsten Brief erfahren. Bis dahin sei gegrüsst von

Deinem Xander

 

1. Lactarius deterrimus / Fichtenreizker
2. Lactarius salminicolor / Lachsreizker
3. Lactarius deliciosus / Edelreizker
4. Lactarius sanguifluus / Weinrote Kieferreizker
5. Latarius semisanguifluus / Spangrüne Kieferreizker
6. Latarius torminosus / Gezonter Birkenreizker

7. Lactarius pubescens / Flaumiger Milchling oder Blasser Zottenreizker
8. Lactarius scrobiculatus / Grubiger Milchling
 
Abbildungen 3 und 5-8 nach Dias aus der Sammlung des Verbandes Schweiz. Vereine für Pilzkunde (VSVP)
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