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Frühjahrspilze auf Tannzapfen

Xanders 29. Pilzbrief

 

Lieber Jörg,

Pilze bestimmen ist alles andere als eine einfache Angelegenheit. Mit «bestimmen» meine ich natürlich nicht etwa das Wiedererkennen eines schon früher einmal gesehenen, sondern die Benamsung eines noch unbekannten Pilzes. Glück kannst Du allerdings dann haben, wenn Du Dich daran erinnerst, von einem Pilz schon gehört oder gelesen zu haben, er weise ein einfaches und eindeutiges Merkmal auf. So einfach, dass ich es tatsächlich schon erlebt habe, bei meiner erstmaligen Begegnung mit einem Pilz sofort gewusst zu haben, um was für eine Art es sich dabei handelte - handeln musste. So erinnere ich mich zum Beispiel gerne an meine erste Begegnung mit dem Kaiserling (Amanita caesarea). Aus Büchern hatte ich erfahren, dass er dem Fliegenpilz ähnlich sieht, aber gelbe Lamellen und eine grosse, lappige Scheide aufweist. Jahrelang blieb dies trockenes Wissen, verirrt sich der Kaiserling doch nicht in unsere kalten Gegenden. Vielmehr ist er ein Kind des Südens, und Kaiserling soll er ja heissen, weil die römischen Kaiser ihn geschätzt haben. Eines Tages stand eine Frau vor meiner Haustüre; am Arm hatte sie einen Korb hangen. Offensichtlich Pilze darin, fein säuberlich zugedeckt mit einem Tüchlein. Wie sie dieses wegzog, verschlug's mir regelrecht die Sprache, erblickte ich doch viele rote Wulstlinge mit goldgelben Lamellen. Sofort wusste ich, dass ich Kaiserlinge vor mir hatte. Doch so viele!? «Aber das gibt's dach nicht!» meine erste Bemerkung. Und darauf: «Ja, aber wo haben Sie denn diese her?» «Mein Mann ist eben von einer Geschäftsreise von Italien zurückgekehrt. Die Pilze hat man ihm geschenkt. Sie seien gut zu essen, aber ich möchte doch ganz sicher sein...» Das also war des Rätsels Lösung.

Zugegebenerweise sind solche Erfahrungen zwar sehr erfreulich und auch eindrücklich, aber doch recht selten. Wenn ich Dich im folgenden mit einigen für Dich wohl noch neuen Pilzen bekannt mache, weiss ich natürlich, dass diese längst nicht so spektakulär wie die Kaiserlinge sind. Ihr besonderes Kennzeichen sind auch nicht die gelben Lamellen, sondern es sind

Frühjahrspilze auf Tannzapfen.

Wenn man's ganz genau haben will, wachsen sie auf Rottannen-, also auf Fichtenzapfen. Der Fichtenzapfenrübling oder Fichten-Nagelschwamm (Strobilurus esculentus) kommt sehr häufig vor, wird aber trotzdem oft übersehen. Zum einen sind die Hüte nämlich verhältnismässig klein: 2 cm Durchmesser bilden schon ein Mittelmass. Oft sind sie noch kleiner; anderseits gelten Hüte von 3-4 cm als wahre Riesen. Sie weisen verschiedene Brauntöne auf (hellbraun, ockerbraun, rötlichbraun, schokoladenbraun, aber auch graubraun oder fast weisslich), und sie heben sich deshalb vom ebenfalls bräunlichen Waldboden des Spätwinters oder frühen Frühlings nur wenig ab. Junge Hüte sind halbkugelig, später gewölbt und schliesslich fast flach. Die glatte oder nur ganz leicht runzlige Oberfläche ist kahl und matt. Einen starken Kontrast bietet die helle Unterseite, sind die Lamellen doch weiss oder grau-weisslich. Dazu stehen sie eng und sind schmal angeheftet oder fast frei. Der glatte und knorpelige Stiel ist bloss 1-2,5 mm dick, kann aber 4 oder 6 oder sogar 10 cm lang werden. An der Spitze ist er weisslich, darunter gelb- oder rötlichocker. An der Basis weist er oft eine weissfaserige, wurzelähnliche Verlängerung auf, die im Zapfen verschwindet bzw. aus ihm herauswächst. Meist liegen die Zapfen schon längere Zeit auf dem Waldboden und sind darum auch schon halb oder noch stärker eingesenkt. Seinen lateinischen Artnamen esculentus trägt der Pilz mit vollem Recht, bedeutet dies doch «essbar». Fichtenzapfenrüblinge sind wirklich schmackhaft; dazu wachsen sie in einer sehr pilzarmen Jahreszeit - oft schon gleich nach der Schneeschmelze! - und sie kommen auch in grossen Mengen vor.

Wenn Du einmal auf einige dicht beieinander stehende Pilze stösst, auf die meine Beschreibung zutrifft, Du aber keinen Tannzapfen zu erkennen vermagst, so bücke Dich trotzdem, und grabe unter dem Fruchtkörper nach! Mit grosser Wahrscheinlichkeit wirst Du nämlich darunter auf einen eben schon ganz vergrabenen Zapfen stossen. Ist dies aber kein Tannzapfen, sondern ein Föhrenzapfen, hast Du wohl nicht den Fichtenzapfenrübling, sondern einen Föhrenzapfenrübling erwischt. Makroskopisch sind sich diese Pilze praktisch gleich. Eindeutig lassen sie sich indessen mit Hilfe des Mikroskops unterscheiden denn ihre Zystiden sind verschieden. Wenn Du Dich an diese Aufgabe wagst, kannst Du auch herausfinden, ob Dein Neufund Strobilurus tenacellus (Bitterer Nagelschwamm) oder Strobilurus stephanocystis (Milder Nagelschwamm) heisst - dies die Namen der beiden Föhrenzapfenrüblinge, die bei uns vorkommen.

Vielleicht zweifelst Du aber doch einmal sehr, ob die Pilze, die da aus einem Tannzapfen herauswachsen, wirklich Fichtenzapfenrüblinge sind. Ihre Hüte haben zwar ungefähr die «richtige» Farbe und Grösse aber sie sind nicht nur halbkugelig, sondern auch glockig und kegelig und meistens ganz eindeutig gebuckelt. Nun willst Du's wirklich wissen. Also rieche am Pilz! Ähnlich wie der Alkalische Rötling (Entoloma nidorosum), nämlich nach Chlor?! Dieses Merkmal ist entscheidend. Und Du kannst jetzt sicher sein, einen Zapfen-Helmling (Mycena strobilicola) vor Dir zu haben. Seine Lamellen sind auch weisslich bis grau, weisen aber bei älteren Exemplaren oft einen rosaroten Schimmer auf. Dazu sind sie mit einem Zähnchen herablaufend. Die Stiele sind etwas brüchig und unterscheiden sich dadurch vom elastischgestielten Fichtenzapfenrübling. - Zapfen-Helmlinge sind eher seltene Pilze und sollten schon deshalb nicht zu Speisezwecken gepflückt werden.

Als nächster im Bund der Frühjahrspilze auf Tannzapfen hat der Fichtenzapfen-Becherling (Rutstroemia bulgarioides) mit den beiden bis jetzt besprochenen Arten überhaupt nichts gemeinsam. Sein Name sagt’s: er ist ein Becherling. Die dunkel- bis grauschwarzen, schüsselförmigen Fruchtkörper haben einen mittleren Durchmesser von einem knappen Zentimeter und sind kurz gestielt. Der Rand ist glatt und die Unterseite ein bisschen heller als die Oberseite. Ein mit vielen Becherchen übersäter Tannzapfen sieht sehr lustig aus: der Pilz ist aber nicht häufig zu finden.

Auch auf Tannzapfen kommt etwa das Nadel-Haarbecherchen (Dasyscyphus acuum) vor; es ist dies ein weniger als 1/2 mm kleines, weisses Becherchen mit feinen Randhaaren, die mit winzigsten Kriställchen übersät sind. Normalerweise wächst es aber eher auf Nadeln und zudem noch ebenso gern auch auf solchen der Föhre. Wahrscheinlich liesse sich dasselbe noch von weiteren Pilzen sagen. - Zum Schluss sei auch noch der Mäuseschwanz-Rübling! (Baeospora myosura) erwähnt. Er gehört aber nicht zu der hier besprochenen Pilzgruppe, weil er zwar auch auf Tannzapfen, aber nicht im Frühjahr, sondern erst im Herbst erscheint. Pilze sind eben eigenwillige Geschöpfe!

Bis zum nächsten Mal sei herzlichst gegrüsst von Deinem

Xander

Fichtenzapfenrübling - Strobilurus esculentus

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