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Die Gastromyceten - Die Bauchpilze (1)


Xanders 22. Brief

Lieber Jörg,

seit ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, mit offenen Augen und Ohren durch die Natur zu streifen, wächst meine Hochachtung vor ihrer ungeheuren Vielfältigkeit immer mehr. Was kreucht und fleugt und schwimmt doch auf und in Erde, Luft und Wasser! Wie viele Blütenpflanzen kann man Mitte Juli auf wenigen Quadratmetern Bergwiese ausmachen! Und wie viele Pilzarten findet der Kenner in seinem gar nicht etwa grossen Auenwald! Alle diese Lebewesen existieren nicht nur - sie leben voll, auch wenn sie des sicheren Todes gewiss sein müssen. Denn ihre Hauptaufgabe ist für alle die gleiche: Wie sorgt man dafür, dass die Art weiter besteht? Dabei sind uns Begriffspaare wie «männlich - weiblich», «Blütenstaub - Samenanlage», «Bock - Geiss» so selbstverständlich geworden, dass unser Vermögen, vor ihnen gebührend zu staunen, uns fast abhanden gekommen ist.

Ausgerechnet die Pilzkunde ist es, die dem Staunenkönnen neuen Antrieb zu geben vermag. Denn der Ideenreichtum des Lebens ist hier fast grenzenlos. - Natürlich weisst Du schon, dass die Sporen ein Myzel hervorbringen, dieses Fruchtkörper und die Fruchtkörper wiederum Sporen. Aber mit diesen drei Schritten ist noch längst nicht alles gesagt und getan. Damit die winzig kleinen Sporen überhaupt keimen können, müssen ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Darüber haben wir noch viel, sehr viel zu lernen. Bei sehr vielen Arten braucht es nämlich zwei verschiedene Myzelien - wohlverstanden der gleichen Pilzart! Mit dem besten Willen vermag man hier nicht von «männlich» und «weiblich» zu sprechen; viel eher redet man von verschiedenen «Polen». So müssen sich denn im Labyrinth der Humusteilchen und der Erdkrümchen zwei Primärmyzelien der gleichen Art, aber von entgegengesetzten Polen treffen, um das Sekundärmyzel zu bilden. Erst dies ist in der Lage, Fruchtkörper hervorzubringen. Und später müssen die Sporen doch verstreut und verbreitet werden, um die ihnen zusagende Ernährungsgrundlage zu finden. Du weisst bereits, dass die auf den Lamellen oder in den Röhren gebildeten Sporen lediglich hinunterzufallen brauchen, um in die zum Teil thermisch bedingten Luftströmungen zu geraten. Diese sorgen natürlich dafür, dass die fast schwerelosen Sporen allüberallhin getragen werden. - Aus der Vielfalt der Pilzarten möchte ich Dir im folgenden eine Gruppe vorstellen, die einen ganz besonderen Weg der Sporenverbreitung gefunden hat. Es sind dies

Die Gastromyceten - Die Bauchpilze (1)

Wie der Name andeutet, bilden sich bei den Gastromyceten (griechisch «gaster» = Bauch; «mykes» = Pilz) die Sporen im Innern des Fruchtkörpers, während sie zum Beispiel bei den Blätterpilzen auf der Aussenseite der Lamellen entstehen. Sicher hast Du schon alt gewordene, mehr oder weniger kugelförmige Stäublinge oder Boviste gesehen, deren Inneres aus einer Art braunem Pulver besteht. Kneift man die Hülle zwischen Daumen und Zeigefinger, entweicht das Pulver - es sind dies natürlich die Sporen.

Stäublinge und Boviste sind denn auch die typischsten, aber nicht die einzigen Vertreter der Bauchpilze. Auf den ersten Blick scheint es, die Natur habe hier eine sehr grobe und wenig erfolgreiche Art der Sporenverbreitung erfunden: Die Sporen bleiben ja in der pergamentartigen Hülle des Fruchtkörpers, und diese zerfällt nur sehr langsam. Jedes Frühjahr kann man zur Zeit der Schneeschmelze ganz zusammengeschrumpfte Stäublinge finden und feststellen, dass sie immer noch Sporen enthalten. - Sicher hast Du aber auch schon gesehen, dass reife Stäublinge ganz zuoberst eine kleine Öffnung aufweisen. Durch diese Öffnung - man nennt sie Ostiolum - müssen die Sporen entweichen. Solange der Stäubling noch fest mit dem Boden verbunden ist, besorgen die einzelnen Regentropfen die Sporenverbreitung. Fällt nämlich ein Tropfen auf den Stäubling, wird durch diesen leichten Schlag die Hülle ganz leicht zusammengedrückt und dabei eine kleine Sporenstaubwolke hinausgepresst. Die elastische Hülle nimmt wieder die kugelförmige Gestalt an, bis der nächste Regentropfen fällt. Natürlich kann auch der Tritt des Wildes zum gleichen Ergebnis führen. Wenn sich der Stäubling schliesslich von seiner Unterlage löst, lässt ihn der leichteste Wind davonrollen, und schliesslich werden auch die letzten Sporen den Weg ins Freie finden. Auf diese Art und Weise - von Regentropfen zu Regentropfen, von einem Windstoss zum andern - ist die Sporenverbreitung nicht nur gewährleistet, sondern sie verteilt sich auch auf eine sehr lange Zeit, was die Chancen für die Sporenkeimung noch mehr steigert.

Bevor ich auf weitere Besonderheiten der Bauchpilze und ihre Bestimmung eingehe, möchte ich zunächst einige Begriffe erläutern, die bei ihrer Beschreibung benützt werden. Das soll in meinem nächsten Brief geschehen.

Bis dahin sei herzlich gegrüsst von Deinem

Xander

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