Druckversion

Die Röhrlinge

 

Xanders 6. Pilzbrief

 

Lieber Jörg,

Am Schluss meines letzten Briefes sagte ich Dir, Du hättest jetzt das notwendige Rüstzeug, um eine Reihe von Pilzarten gründlich kennen zu lernen. Das sollst Du auch mit diesem Brief tun.

Der Steinpilz

Der Steinpilz ist für viele der erste und einzige "richtige" Speisepilz, und darum wollen wir auch mit ihm beginnen. Natürlich muss man ihn kennen. Sehr schwierig ist es nicht, aber auch nicht etwa sehr leicht. Immer wieder kommt es nämlich vor, dass der Herrenpilz - sein zweiter Name - mit anderen Pilzen verwechselt wird.

Mit tödlich giftigen Arten kann dies zwar schlechterdings kaum geschehen; aber auch "nur" eine Magenspülung ist keine angenehme Angelegenheit. Bei der folgenden Beschreibung soll es Dich nicht stören, dass ich keine ganzen Sätze verwende, sondern lediglich eine knappe Aufzählung von Merkmalen gebe. Dies ist in fast allen Pilzbüchern auch so. Würde man anders vorgehen, wären die Bücher wohl alle doppelt so dick. Um die folgende sprachlich verkürzte Beschreibung nicht nur lesen, sonder auch verstehen zu können, musst Du sie allerdings sehr langsam und mehrmals durchlesen:

Hut jung halbkugelig, später gewölbt und schliesslich ausgebreitet, meist 10 - 20 cm Durchmesser, bisweilen aber noch viel grösser, anfangs weisslich, dann hell- bis dunkelbraun, Randzone oft blasser. Oberfläche fast kahl, glatt bis runzelig, bei feuchtem Wetter und im Alter etwas schmierig. Huthaut oft vorstehend, kaum abziehbar. Hutrand stumpf.

Hutfleisch dick, weiss (direkt unter der Huthaut braunrötlich), nicht blauend, bei jungen Exemplaren sehr fest, später aber weich und etwas schwammig werdend.

Geruch angenehm nach "Pilz" (besonders intensiv bei getrockneten Exemplaren), Geschmack mild und nussartig.

Röhren zuerst weiss, dann gelb und schliesslich olivgrün, bis 3 cm lang und leicht vom Hutfleisch ablösbar, um den Stiel herum ausgebuchtet oder fast frei. Mündungen der Röhren eng und rund.

Stiel zentral, zuerst dickbäuchig oder sogar kugelig, später keulig, bei grossen Exemplaren fast zylindrisch, bis 20 cm hoch (oder noch mehr) und 6 cm dick, blasser als der Hut, weisslich bis hellbräunlich; in der oberen Hälfte mit feinem weissem Netz, das sich gegen unten verflüchtigt. Stiel voll, Basis immer irgendwie knollig, Fleisch wie dasjenige des Hutes. Weder Reste einer äusseren noch einer inneren Hülle.

Vorkommen vom Sommer bis zum Herbst sowohl im Nadel- als auch im Laubwald, auch an Waldrändern, auf allen Arten von Böden.

Verwechslungen sind vor allem mit dem Gallenröhrling möglich. Dieser mässig giftige Doppelgänger hat auch zuerst weisse, dann aber rosa werdende Röhren. Sein Stiel ist grob braun genetzt und das Fleisch gallenbitter.

Name: Lateinisch heisst der Pilz Boletus edulis (=essbarer Röhrling), in Italienisch "porcino" und im französischen und englischen Sprachbereich "cèpe".

 

Soweit der erste Teil meines Briefes. Ihm folgt aber noch ein zweiter Teil; denn bei dieser Gelegenheit sollst Du noch eine erste Anleitung erhalten:

Wie man Pilze mit Hilfe eines Schlüssels bestimmt

Als Übungsobjekt habe ich - wie könnte es anders sein - gerade den Echten Steinpilz gewählt. Als Beilage erhältst Du einen "Makroskopischen Bestimmungsschlüssel für Röhrlinge". Jeder Schlüssel öffnet etwas. Ein Bestimmungsschlüssel führt Dich - bei richtigem Gebrauch - zum richtigen Namen eines Dir (noch) unbekannten Pilzes. Schon ein kurzer Blick in den Schlüssel zeigt Dir, dass er aus vielen Aussagen besteht, die paarweise angeordnet sind. Sie alle sind numeriert. So gibt es das Paar 1 und 1* oder das Paar 8 und 8*. Du benützest den Schlüssel, indem Du den zu bestimmenden Pilz mit den beiden zusammengehörenden Aussagen konfrontierst. Immer wird eine der beiden Aussagen auf Deinen Pilz zutreffen, die andere aber nicht.

Lies nun (genau und bis zum Schluss) das erste Aussagepaar:

Hauptschlüssel

1. Stiel beringt oder Hutrand mit Velumresten. Schlüssel A
1*. Stiel und Hutrand ohne Velum.   2
2. Stiel mit Netz.   3
2*. Stiel ohne Netz.  

4

3. Poren und/oder Stiel roten Tönen. Schlüssel B
3*. Poren und Stiel ohne rote Töne. Schlüssel C

Betrachte hierauf Deinen Pilz (eben einen als Übungsobjekt fungiernden Steinpilz), sowie auch/oder die Beschreibung, die Du ihm angefertigt hast, und stelle fest, welche der beiden Aussagen zutrifft. Sicherlich ist es nicht 1, sondern 1*; denn der Steinpilz hat kein Velum und keinen Ring. Am End der Zeile 1* findest Du die Zahl 2. Dieser Hinweis sagt Dir, dass Du bei der Frage 2 weiterfahren sollst.

Weil der Stiel ein Netz aufweist (2 ist richtig, 2* aber falsch), fährst Du bei 3 weiter. Da weder Poren noch Stiel rote Töne aufweisen (3*), wirst Du auf Schlüssel C verwiesen.

Schlüssel C

1.

Stielnetz grob weitmaschig-langgezogen, braun (auf +/- hellbraunem Grund); Poren jung weiss dann blass rosa und kissenförmig vorgewölbt; Hut ocker-/zimt- / graubraun; Fleisch weiss, bitter; Wälder (bes. Nadelwald).

Tylopilus felleus (Bull.: Fr.) Karst.

Gallenröhrling

N.B. Ein +/- deutliches, weitmaschiges Stielnetz kann gelegentlich auch bei Xerocomus subtomentosus (Schl. F. 3.) beobachtet werden.

 
1*. Stielnetz +/- feinmaschig; Poren nie rosa. 2
2. Fleisch weiss, nicht blauend; Stiel weiss/braun; Poren jung weiss dann gelb/oliv ("Steinpilze"; nicht immer klar voneinander trennbar). 3
2*. Fleisch +/- gelb, oft +/- blauend; Stiel gelb; Poren jung gelb dann bräunlich/oliv.

6

3. Stiel blass (weisslich/hellbraun); Netz weisslich. 4
3*. Stiel dunkler (zimt-/rotbraun); Netz mindestens gegen unten braun. 5
4.

Stiel nur in der obereren Hälfte genetzt; Fleisch mit rötlicher Zone unter der (+/- glatten) Huthaut; Hut hellbeige bis dunkelbraun (bisw. fast schwarz).

Boletus edulis Bull.: Fr.

(Echter) Steinpilz

 
4*.

Stiel bis fast zur Basis genetzt; Fleisch ohne rötliche Zone unter der (+/- feinfilzigen) Huthaut; Hut hellbraun, oft felderig aufreissend.

Boletus aestivalis (Paulet) Fr. (= B. reticulatus)

Sommer-Steinpilz

 

Auch hier liest Du (genau und ganz) das erste Fragepaar. Dein Pilz hat ein feinmaschiges Netz, und die Poren sind nie rosa (1*trifft zu); also bei 2 weiterfahren. Das Fleisch ist weiss und blaut nicht; der Stiel weist eine weissbraune Farbe auf; die Poren sind (zuerst) weiss und werden darauf gelb und sogar oliv (2 trifft zu, nicht aber 2*): Schon bist Du bei den "Steinpilzen" gelandet. Wenn Du wirklich einen ganz gewöhnlichen Steinpilz in den Händen hast - das schlug ich Dir ja als Übungsobjekt vor- führt Dich die nächste Frage (3) wegen des blassen Stiels und des weisslichen Netzes zu 4, dem "Echten Steinpilz".

Dies ist die ganze Theorie. Der Rest ist Üben, Üben und nochmals Üben. Schlüssle zuerst Dir bekannte Röhrlinge auf, und dann wage Dich auch an Dir (noch) unbekannte. Du tust allerdings gut daran, Dir Deine Bestimmung von einem guten Pilzkenner bestätigen zu lassen.

Gutes Gelingen und viel Ausdauer bei dieser Arbeit wünscht Dir

Dein Xander