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Die Lamellen der Blätterpilze

Xanders 5. Pilzbrief

Lieber Jörg,

In meinen früheren Briefen erklärte ich Dir nicht nur, wie die Teile eines Pilzfruchtkörpers heissen und aussehen können; ich versuchte auch - ganz nebenbei - Dir zu sagen, wozu die Teile überhaupt da sind. So weisst Du jetzt, dass der Stiel die Aufgabe hat, den Hut zu tragen und in die Höhe zu heben; und der Hut seinerseits trägt und schützt die Lamellen bzw. die Röhren. Auch die Lamellen haben natürlich ihre Aufgabe: Sie produzieren die Sporen, d. h. jene mikroskopisch kleinen Dinge, durch die die Fortpflanzung und Vermehrung der eigentlichen "Pilzpflanze" ermöglicht und gewährleistet wird. Diese "eigentliche Pilzpflanze" ist das von blossem Auge nicht sichtbar Myzel, das bei irgend einem Pilz - vielleicht dem Eierschwamm - jahrelang im Erdboden drin lebt, darin wächst und dabei eine unerhört wichtige Recyclingaufgabe in der Natur erfüllt. Es gibt einen einzigen Grund, weshalb da Eierschwammyzel plötzlich über dem Erdboden jene gelben Dinge aufbaut, die der Laie als "Pilze" und wir als Pilzfruchtkörper" bezeichnen: Es will Sporen hervorbringen und sich vermehren. Dass sich gewisse Zweibeiner und auch andere Lebewesen an den Fruchtkörpern gütlich tun, interessiert das Myzel natürlich nicht im geringsten.

Wie die Sporen gebildet werden, ist eine komplizierte Sache, von der später die Rede sein wird. Das Thema dieses Briefes bereitet darauf vor und lautet ganz einfach

Die Lamellen der Blätterpilze

Weil die Lamellen das Wichtigste am Fruchtkörper sind, verstehst Du auch, warum der Pilzkenner einen Pilz zunächst einmal umdreht. Wenn Du das bei verschiedenen Pilzen auch tust, stellst Du bald einmal fest, dass sämtliche Lamellen aller Pilze zwar am Hutrand beginnen und gegen den Stiel zu verlaufen. Bei manchen Pilzen erreichen alle Lamellen den Stiel; bei andern tun sie dies aber nur zum Teil, sie sind ungleichlang untermischt. Dabei werden die kürzeren Lamellen "Lameletten" (=kleine Lamellen) genannt. Bei noch anderen Fruchtkörpern gabeln sich die Lamellen. Du stellst auch fest, dass bei gewissen Pilzarten die Lamellen weit entfernt von einander, bei andern aber sehr nahe sind, was man als gedränt bezeichnet. Manchmal bilden sich zwischen Lamellen schmal verbindende Queradern (Anastomosen); die Lamellen sind aderig verbunden. Wenn Du Dir nun vorstellst, dass diese Queradern sehr nahe beieinander und ebenso breit wie die Lamellen sind, hast du in Gedanken aus dem Blätterpilz einen Röhrling gemacht. Diese beiden Pilzfamilien sind wirklich sehr nahe miteinander verwandt. Wenn Du ein Buch mit guten Abbildungen hast, so suche einmal das Goldblatt! Du vermagst kaum zu entscheiden, ob der abgebildete Pilz ein Blätterpilz mit vielen Queradern oder ein Röhrling mit riesigen Röhren ist. Dass man ihn etwa auch "Blätter-Röhrling" nennt, sangt genug. Aber sammle ihn bitte nicht für Deinen Kochtopf; der Pilz ist nämlich recht selten.

Schneide Dir als nächstes einen Fruchtkörper von oben nach unten senkrecht durch, und schau Dir die Lamellen einmal nicht von unten sondern von der Seite genauer an. Was die Begriffe vorn, hinten, Rücken, Schneide und Fläche bedeuten, sagen Dir die Abbildungen. Lamellen haben eine Form; sie können schmal oder breit (verglichen mit der Dicke des Hutfleisches), sichelförmig, dreieckig, bauchig oder gerade sein. Ein Querschnitt durch eine Lamelle zeigt Dir auch die Dicke: beim Brandtäubling sind die Lamellen sehr dick, beim Champignons dünn und bei den Tintlingen sogar sehr dünn. Der Konsistenz nach haben die meisten Täublinge spröde (= brüchige ) Lamellen, andere Pilzfruchtkörper aber biegsame, zähe oder holzige .

Am allerwichtigsten aber ist der Lamellenansatz, d.h. die Art und weise, wie die Nahtstelle zwischen Lamellen und Stiel aussieht. Die Lamellenhaltung kann frei, frei und hinten abgerundet, angeheftet, breit angewachsen, herablaufend, ausgebuchtet und mit Zahn herablaufend oder dreieckig sein. Innerhalb einer Art ist die Lamellenhaltung meist erstaunlich konstant, und deshalb benützt man dieses Merkmal, um die verschiedenen Pilzarten zu gruppieren, d.h. in Gattungen und Familien zusammenzulegen bzw. darauf zu verteilen.

Die Lamellenschneide kann ganz verschieden ausgebildet sein, vielleicht ist sie scharf (= glatt ), gezähnelt, gesägt, gekerbt, bewimpert oder sogar gespalten. Geradezu wunderlich kann es aussehen, wenn die Schneide eine andere Farbe als die Lamellen selbst hat. Um die Schneide untersuchen zu können, brauchst Du übrigens eine Lupe (8- oder 10fach). Das Wichtigste daran ist die Schnur. Du hängst sie Dir um den Hals und lässt die Lupe daran baumeln. Tust du dies nicht, wirst Du die Lupe nämlich schon sehr bald verlieren und Dir eine neue kaufen müssen.

Natürlich spielt auch die Lamellenfarbe eine Rolle. Sowohl der junge als auch der alte Knollenblätterpilz haben weisse Lamellen. Bei andern Arten verfärben sich die Lamellen vielleicht mit zunehmendem Alter des Pilzes. So sind sie beim jungen Wiesenchampignons hübsch rosa; sie werden dann rötlich und schliesslich schokoladenbraun, ja fast schwarz. Wenn ich Dir nun sage, dass die noch sehr jungen Sporen dieses Pilzes fast farblos sind, die reifen aber rotbraun, merkst Du natürlich, dass die Farbveränderung der Lamellen etwas mit der Sporenfarbe zu tun hat. Wenn Du also die Eigenfarbe der Lamellen - die nicht gleich zu sein braucht wie die Farbe der Sporen - feststellen willst, musst Du dies bei ganz jungen Pilzen tun. Sonderbarerweise haben die Lamellen gewisser Pilzarten nicht gleichfarbige sondern scheckigbunte Lamellen. Das rührt davon her, dass die Sporen zu verschiedenen Zeiten reifen. Wahrscheinlich wirst Du auch bald die Erfahrung machen, dass die Lamellen einiger Pilze sich auf Berührung hin verfärben. So sind die Lamellen des Kahlen Kremplings olivocker; nachdem Du sie aber berührt hast, werden sie sofort braunfleckig.

Mit den bisherigen Pilzbriefen hast Du nun das Rüstzeug, Pilzbeschreibungen verstehen und auch selber machen zu können. Dein nächster Schritt soll nun sein, eine Reihe von Pilzen kennenzulernen. Würdest Du dies ganz im Alleingang versuchen, kämest Du nur sehr langsam vorwärts und könntest Dich womöglich so sehr verrennen, dass Du auf einmal weder ein noch aus weisst und die ganze Sache plötzlich aufgibst. Suche deshalb Anschluss beim nächsten Pilzverein. Vielleicht findest Du auch in Deinem Dorf einen Pilzkenner. Mach bei ihm aber die Nagelprobe, und frag ihn "ganz harmlos", ob er alle Pilze kenne. Sagt er ja, so weisst Du, dass er ein grosser Hochangeber ist. Sagt er aber, er kenne schon einige Pilze, aber es gebe eben sehr viele, dann bist Du am richtigen Ort. Vielleicht ist auch "Dein Pilzkontrolleur" der Mann. Bringe ihm in einem Körbchen säuberlich getrennt drei oder vier Arten und von jeder Art etwa drei Stück. Sag ihm aber um Himmelswillen, Du hättest diese Pilze nicht etwa für die Küche gesammelt, sondern möchtest lediglich wissen, wie sie heissen. Ich kann mir vorstellen, dass der brummige Herr dann ganz umgänglich wird. Merk Dir gut, was er Dir sagt. Dann gehst Du heim, schaust Dir die Pilze - eine Art nach der anderen - so genau an, wie Du es aus den letzten drei Pilzbriefen gelernt hast und nimm darauf ein Pilzbuch zur Hand. Vergleiche dann Deine Beobachtungen mit dem Text im Buch. Wenn Du Deine Beobachtungen (also nicht, was im Buch steht!) noch zu Papier bringst (verwende dazu Einzelblätter und lege sie in ein Ringbuch) und den Pilzfruchtkörper sogar noch zeichnest und malst, garantiere ich Dir, dass Du ihn "ewig" in Deinem Kopf und Gedächtnis hast.

Wenn das keine Hausaufgabe ist!!

Ich wünsche Dir viel Erfolg und grüsse Dich herzlich     

 

Dein Xander

 

Die Lamellen der Blätterpilze

Lamellenanordnung (Abb. 1 - 7)

  1. gleichlang, durchgehend

  2. ungleichlang, untermischt

  3. gegabelt

  4. aderig verbunden, anastomosiernd

  5. entfernt stehend

  6. gedrängt

  7. vorn (A),

      hinten (B)

      Rücken (C),

      Schneide (D),

      eine Fläche (E)

 

Lamellenform (Abb. 8 - 13)

  8. schmal (A),

      dünn (B)

  9. breit (A),

      dick (B)

10. bauchig

11. gerade

12. bogig, sichelförmig

13. dreieckig

 

Lamellenansatz (Abb. 14 - 20)

14. frei

15. frei und hinten abgerundet

16. angeheftet

17. breit angewachsen

18. herablaufend

19. ausgebuchtet

20. ausgebuchtet und mit Zahn herablaufend

 

Lamellenschneide (Abb. 21 - 26)

21. glatt

22. gezähnelt

23. gesägt

24. gekerbt

25. bewimpert

26. scharf (A),

      stumpf (B),

      Schneide gespalten (C)