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Der Hut der Blätterpilze und der Röhrlinge 

Xanders dritter Pilzbrief

Lieber Jörg

In meinem letzten Brief gab ich Dir eine erste "Pilzsprachstunde", denn man muss doch verstehen, wovon der Fachmann überhaupt spricht. Die gleichen - nämlich die richtigen - Fachausdrücke sollst Du aber auch benützen, wenn Du einem anderen von einem Pilz etwas erzählen willst. In diesem Brief versuch ich Dir zu erklären, was man von einem Pilzfruchtkörper überhaupt alles sagen kann. Sicher sehr viel mehr als Du vermutest. Damit Dir Dein Kopf aber nicht allzusehr brummt, soll heute erst ein Teil des Fruchtkörpers zur Sprache kommen, nämlich:

Der Hut der Blätterpilze und der Röhrlinge.

Nicht weniger als sieben Dinge spielen bei der Hutbeschreibung eine Rolle, nämlich 1. Hutform 2. Hutgrösse 3. Hutfarbe 4. Bekleidung (Oberfläche) 5. Huthaut 6. Hutrand 7. Hutfleisch (Huttrama).

1. Die Hutform

Auf der Abbildung habe ich Dir einige charakteristische Hutformen gezeichnet (Abb. 1 - 14). Vielleicht denkst Du, es wäre nicht allzuschwer, sie zu unterscheiden. Das stimmt; die Sache hat aber einen Haken. Und zwar deshalb weil ein alter Fruchtkörper ganz und gar nicht gleich aussehen muss wie ein junger. So ist es durchaus möglich, dass der Hut eines Champignons zuerst kugelig erscheint, dann aber (sobald seine innere Hülle gerissen ist) halbkugelig, später gewölbt und dann ausgebreitet wird. Sehr alte Exemplare weisen vielleicht sogar eine niedergedrückte Mitte auf. Nebenbei hast Du also gemerkt, dass man sich bei einer Pilzbeschreibung nicht auf ein einziges Exemplar verlassen kann. Mache es Dir deshalb zur Gewohnheit, zu Studienzwecken jeweils drei Exemplare zu pflücken: ein ganz junges, ein "mittelalterliches" und ein sehr altes.

2. Die Hutgrösse

Die Grössenangaben beziehen sich normalerweise auf den Hutdurchmesser von ausgewachsenen Fruchtkörpern.

3. Die Hutfarbe

Als Hobbymaler bringst Du die bestmögliche Voraussetzung mit und weisst, dass etwas in der Natur nie und nimmer grün, rot oder braun ist. Die Farbnuancen spielen eine entscheidende Rolle, und darum ist ein Hut vielleicht korallenrot, ziegelrot, olivgrün, elfenbeinweiss oder schwefelgelb. Und obendrein kann ein Olivgrün auch noch hell oder dunkel, matt oder leuchtend sein. - Aber auch hier gilt, was ich oben unter "Hutform" erwähnte: Die Hutfarbe eines ausgewachsenen Fruchtkörpers ist mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr dieselbe wie diejenige des Pilzes im Jungendstadium. Und der sehr alte Pilz dürfte nochmals eine andre Farbnuance aufweisen. Auch verschiedenes Wetter - trockenes oder feuchtes - kann zu Farbveränderungen führen.

Das hast Du wohl auch schon festgestellt, dass ein Hut manchmal nicht überall dieselbe Farbe aufweist: Der Rand ist vielleicht bedeutend heller - oder dunkler - als die "gemässigte Zone", und häufig hat die Scheibe einen ganz anderen Farbton oder ist zumindest viel dunkler. Auch sind gewisse Pilze typischerweise gefleckt oder weisen verschiedenfarbige Zonen auf. Und schliesslich wirst Du auch merken, dass sich Pilze weniger - oder aber auch ausgesprochen stark - farblich verändern können, wenn man sie berührt. Aus dieser letzten Bemerkung kannst Du schliessen, dass man einen zu untersuchenden Pilz möglichst nicht oder dann nur sehr vorsichtig berührt. Auf keinen Fall umschliesst man den Stiel mit der Faust; vielmehr halte ich einen Pilz möglichst sorgfältig zwischen Mittelfinger und Daumen, d.h. an der Hutscheibe und der Stielbasis.

4. Die Hutbekleidung (Hutoberfläche)

Auch die Ausbildung der Hutoberfläche stellt ein sehr wichtiges Unterscheidungsmerkmal dar (vergleiche dazu die Abbildungen 15 - 20). Natürlich kann die Oberfläche glatt sein. Sie kann aber auch - Du erinnerst Dich an meinen letzten Brief - grössere oder kleinere Reste der allgemeinen Hülle aufweisen und wird dann warzig oder flockig genannt. Stammen die Unebenheiten von der (durch das Wachstum) zerrissenen Huthaut, wird der Hut als schuppig (vielleicht auch faserigschuppig oder sogar spitzschuppig ) oder auch als radialfaserig bezeichnet. Ist die Oberfläche an sich glatt, sieht man aber zwischen der in mehr oder weniger eckige Stücke zerrissenen Huthaut das darunterliegende Hutfleisch, spricht man von " felderig zerrissen ". Häufig kann man auch konzentrische, verschiedenfarbige Kreise ausmachen; eine solche Hutoberfläche ist gezont . Bei gewissen Pilzen kommt es vor, dass sich das Regenwasser im Fleisch des Hutrandes ansammelt und diesen dunkel verfärbt; ein solcher Pilz wird als hygrophan bezeichnet. (Das deutsche Wort "wasserzügig" braucht man praktisch nie). Und schliesslich gibt es noch bereifte Hüte, d.h. sie sind von einem sehr feinen, staubähnlichen "Reif" überzogen wie etwa eine frische Pflaume. Berührt man diese, so verschwindet der Reif, und die Pflaume wird an der Berührungsstelle dunkelblauviolett.

5. Die Huthaut

Die Huthaut kann schleimig, schmierig oder trocken, filzig, wollig, behaart, papieren oder gummiartig und abziehbar sein oder letzteres nur stückweise oder gar nicht. Meist reicht sie genau bis zum Hutrand: sie kann aber auch ein bisschen "zu kurz" sein. Ragt sie etwas über den Hutrand hinaus, bezeichnet man sie als vorstehend (siehe Abbildung 21).

6. Der Hutrand

Der Hutrand kann scharf oder stumpf und im übrigen ganz verschieden ausgebildet sein; einige der Möglichkeiten findest Du bei den Abbildungen 22 - 32. Der Hutrand wird als gerieft bezeichnet, wenn er mit feinen Strichen versehen ist, also aussieht, wie wenn man ihn mit einem feinen Kamm traktiert hätte (Abb. 32). Manchmal scheint der Hutrand gerieft zu sein, obwohl er tatsächlich glatt ist. Das kommt etwa vor bei sehr dünnfleischigen Pilzen, die man gegen das Licht hält. In diesem Fall bezeichnet man den Hutrand als durchscheinend gerieft .

7. Das Hutfleisch (Huttrama)

Um das Hutfleisch untersuchen zu können, musst Du den Pilz in seiner Längsrichtung durchschneiden. Zuerst stellst Du die Farbe fest und achtest besonders auf mögliche Veränderungen an der Luft. Vielleicht quillt eine farblose Flüssigkeit oder aber eine Milch heraus. Diese hat eine Farbe und kann sich auch verfärben. Die Beschaffenheit der Huttrama ist ein weiteres Merkmal; sie kann weich oder hart, faserig, knorpelig, brüchig oder elastisch, schwammig, wässerig, trocken, zäh, holzig oder korkig sein. Oft hat das Fleisch einen eigenen Geruch. Um diesen festzustellen, schnupperst Du leicht daran; verbannt ist dabei natürlich jegliches Rauchen. Und schliesslich hat das Hutfleisch auch seinen Geschmack. Der Geschmack kann mild oder scharf, süss oder bitter, ja vielleicht auch kratzend sein. Zudem kann er sich sehr rasch oder nur langsam einstellen und anhaltend oder nur vorübergehend sein. Beim Prüfen des Geschmacks ist Vorsicht am Platz, und Anfängern wird davon abgeraten, wahllos Pilze zu probieren.

Wenn Du jetzt findest, ich sollte noch etwas von den Lamellen der Blätterpilze oder Röhren der Röhrlinge sagen, hast Du vollkommen recht; denn diese Gebilde gehören doch auch zum Hut. Sie sind aber so wichtig (und auch kompliziert), dass ihnen ein besonderer Brief gewidmet sein wird. Es wird erst der übernächste sein; denn nächstes Mal soll die Rede vom Stiel sein.

Bis dahin sei herzlich gegrüsst von Deinem Xander

Legende

Hutformen (Abb. 1 - 14)

  1. kugelig

  2. halbkugelig

  3. gewölbt

  4. ausgebreitet

  5. abgestumpft

  6. gebuckelt

  7. spitzgebuckelt

  8. mit Papille

  9. trichterförmig

10. genabelt

11. Mitte niedergedrückt

12. kegelig

13. glockig

14. schirmförmig

Hutoberfläche , Bekleidung (Abb.15 - 20)

15. faltig-gefurcht

16. flockig, warzig

17. schuppig

18. spitzschuppig

19. felderig zerrissen

20. gezont

Hutrand (Abb. 21 - 32)

21. (l) Huthaut vorstehend (r) Lamellen vorstehend

22. scharf

23. stumpf

24. eingerollt

25. umgebogen

26. wellig verbogen

27. gefaltet

28. gelappt

29. gekerbt

30. eingerissen

31. gefranst

32. gerieft

Brief_03
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