Autor: Heinz Göpfert

  Internet Überarbeitung: Jean-Claude Michel

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Die Blätterpilze


Xanders 2. Pilzbrief

Lieber Jörg

Vielen Dank für Deine Nachrichten. Meinen Rat, die Augen bewusst offenzuhalten, hast Du offensichtlich befolgt und darum auch schon manches im Wald entdeckt, das Du früher einfach übersehen hattest. Du hast auch sicher recht, wenn du feststellst, die von Dir gefundenen Pilze gehörten zum weitaus grössten Teil der Gruppe der Blätterpilze an. Unter den grossen Pilzen stellen sie wirklich die zahlreichsten Vertreter; bei den sehr kleinen Pilzen ist dies allerdings ganz anders.

Sprechen wir zunächst also von den Blätterpilzen. Wenn aber zwei von etwas reden, hat dies nur dann einen Sinn, wenn die beiden sich auch verstehen, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Ärzte und Juristen haben auch ihre Sprache. Ich verstehe sie aber nicht, sind mir doch ihre Fachausdrücke absolut fremd. Wenn wir uns jetzt also über das Fachgebiet Pilze unterhalten wollen, kommst Du nicht darum herum, die Pilzsprache zu erlernen.

Mein zweiter Brief ist darum für Dich eine Pilzsprachstunde, die Dir sagt, wie man die Teile des (Pilz-)Fruchtkörpers benennt. Ja, Du hast richtig gelesen: es heisst "Pilzfruchtkörper". Die Fachleute wissen eben, dass der "Pilz" nicht nur aus dem über dem Boden sichtbaren Fruchtkörper besteht, sondern auch noch aus einem zweiten Teil, dem dauerhaften Myzel , das - meist nicht von blossem Auge sichtbar - in der Erde, im Holz oder in einem faulenden Stengel verborgen ist und darin lebt. Diese Unterlage, die dem Pilz natürlich die Nahrung liefert, bezeichnet man übrigens als Substrat . Am Ende des Briefes habe ich Dir einen Fruchtkörper gezeichnet, das eine Mal von vorn und daneben auch noch einen im Schnitt; denn einige der wichtigsten Merkmale erkennt man besser, wenn der Fruchtkörper in seiner Längsrichtung und genau in der Mitte durchgeschnitten worden ist. - Bei (fast) allen Blätterpilzen kannst Du Hut , Lamellen (so sagt man den Blättern meistens) und Stiel unterscheiden.

Hut: Die ganze Hutoberfläche ist mit einer Huthaut überzogen, und darunter liegt das Hutfleisch (oder die Huttrama). Zuäusserst ist der Hutrand, innen die Hutmitte . Die engste Zone in der Mitte wird als Scheibe bezeichnet. Manchmal finden sich auf der Hutoberfläche auch noch Flocken, Warzen, Schuppen, Fasern oder dergleichen. - Die wichtigste Aufgabe des Hutes besteht darin, die Lamellen zu tragen und auch zu schützen (z.B. vor dem Regen). Festgehalten und auch in die Höhe gehoben wird der Hut vom Stiel . Dessen oberste Stelle heisst Stielspitze . Möglicherweise hat es am unteren Stielende, d.h. an dessen Basis (oder am Stielfuss ) eine Knolle. In der oberen Stielhälfte weisen die Zuchtchampignons und manche andere Pilzfruchtkörper einen häutigen oder klebrigen Ring auf. Bei ganz jungen Fruchtkörpern ist dieses Gebilde - man bezeichnet es als innere Hülle oder Velum partiale - mit dem Hutrand verbunden und schützt die noch jungen Lamellen. Schirmt der Hut auf, so reisst die Hülle, und ihre Reste bleiben als Ring am Stiel oder auch als Fetzen am Hutrand hängen. Bei einigen Pilzarten wie zum Beispiel dem Knollenblätterpilz stecken ganz junge Fruchtkörper in einer äusseren Hülle (auch Velum universale genannt), die sie wie die Schale eines Eies umgibt. Wächst der Stiel in die Länge, zerreisst die äussere Hülle. Teile von ihr bleiben manchmal als Flocken oder Warzen auf dem Hut liegen; meist können sie leicht weggewischt werden. Die am Stielfuss zurückbleibenden Reste der äusseren Hülle können sehr verschieden aussehen. Sind sie häutig und einigermassen ausgeprägt, spricht man von einer Volva oder einer Scheide. Das wäre also die erste Pilzsprachstunde gewesen. Mach Dich noch auf weitere gefasst und sei inzwischen gegrüsst von

Deinem Xander

 

Die Teile eines Blätterpilzfruchtkörpers:

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