Autor: Heinz Göpfert

  Internet Überarbeitung: Jean-Claude Michel

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Xanders 1. Pilzbrief

Einige Hauptgruppen von Pilze

Lieber Jörg

Das hat mich aber gefreut, wieder etwas von Dir zu hören. Ehrlich! Wenn's auch nur ein Telefon war. Und wenn's auch nur deshalb war, weil Du etwas haben wolltest. Ich habe mich übrigens köstlich amüsiert über die Schilderung Deiner ersten Gehversuche in den Pilzen. Da hättest Du also einen Waldlauf absolviert - schliesslich tut man ja etwas für seine Gesundheit, und die Freizeit könnte man auch auf dümmere Art und Weise totschlagen und wärst plötzlich inmitten von Pilzen gelandet. Pilze ringsum. Massenhaft Pilze, wunderbare Pilze. Sooo viele und sooo schöne Pilze, dass man sie einfach nehmen musste. Also rechtsumkehrt, im Auto den Plastiksack geholt, zurückgerannt - gut durchatmen in frischer Waldesluft tut wirklich gut - die Pilze in den Sack gestopft, zum Wagen zurückgekehrt. Und da kam der - offenbar etwas längliche - Abstecher in den "Bären".

Natürlich musstest Du noch warten; denn die Pilzkontrollstelle ist ja nur abends geöffnet. Immerhin, Du hast gewartet. Und bist dann hingegangen. Und dieser Wicht von Pilzkontrolleur hätte Dich angeschnauzt, man sammle nicht mit eine Plastiksack. Ja, Himmel, hättest Du denn das Hemd oder die Hosen dazu nehmen sollen? Und alles sei sowieso nur Mist. Auch von Galle sagte er etwas, aber nicht von der, die in Dir hochstieg, als er tatsächlich Deine herrlichen Pilze in den Eimer schmiss. Und darauf grinste der Vetter Xander nur und hatte so gar kein Erbarmen mit seinem Neffen. Der ihn dann aber nicht nur höchst erstaunte, sondern eher sehr erfreute mit seiner Absicht ja seinem festen Entschluss, die Pilze "richtig zu lernen"! Zwar brummte er etwas, der Xander, gern tut er's alleweil. Und weil ich weiss, dass Dein Gedächtnis eben so ist, wie es heutzutage ist, schreibe ich alles auf, damit Du meine Meinung nicht nur rasch am Draht hörst, sondern noch ein paarmal lesen kannst. Also: Wer wirklich die Absicht hat, Pilze verstehen zu lernen, muss Bescheid wissen, dass sie in Gruppen eingeteilt werden.

Einige Hauptgruppen von Pilzen

Selbstverständlich weisst Du, dass es verschiedene Tiergruppen oder Tierfamilien gibt. Du kennst Fische und Vögel, Insekten, Säugetiere, Reptilien und wohl noch andere. Auch bei den Pflanzen und den Pilzen gibt's solche Gruppen. Du weisst aber auch, dass die Grösse eines Tieres oder dessen Farbe nichts mit der Gruppeneinteilung zu tun hat. Der Walfisch ist nämlich mit der Spitzmaus verwandt, nicht aber mit dem Tigerhai. Und der Schwarze Panther hat trotz seiner Schwärze mit der rabenschwärzesten Krähe rein gar nichts zu tun. Genau so ist's auch bei den Pilzen: Grösse und Farbe sind nicht so ausschlaggebend. Am Ende des Briefes habe ich Dir neun Pilze gezeichnet, die ebenso vielen verschiedenen Hauptgruppen angehören.

Einige der Pilze - aber nicht alle - haben einen Hut und einen Stiel. Einen solchen Hutpilz dreht der Pilzkenner zuerst einmal um; denn das Wichtigste daran ist die Pilzunterseite. (Warum das so schrecklich wichtig ist, erzähl ich Dir ein andermal).

  • Die Hutunterseite des ersten Pilzes, des Gefleckten Rüblings, ist von vielen sehr dünnen und senkrechtstehenden Blättchen besetzt, die allesamt wie die Speichen eines Rades vom Stiel zum Hutrand verlaufen. Der Gefleckte Rübling gehört deshalb zu den Blätterpilzen. Diese bilden eine Riesengruppe, zu der alle tödlich giftigen Arten, aber auch beste Speisepilze gehören.
  • Statt der Blättchen weisen der Habichtspilz - Du kannst auch (Rehpilz) sagen - und andere Pilze auf ihrer Hutunterseite feine Zäpfchen oder weiche Stacheln auf. Diese Stachelpilze sind nicht sehr zahlreich, und giftige Arten unter ihnen kenne ich nicht.
  • Zu einer dritten Gruppe gehört der Gallenröhrling. Seine Hutunterseite zeigt feine Löcher, die eigentlich die Mündungen zahlreicher senkrecht zur Hutunterseite stehender, weicher Röhrchen darstellen. Das sind die Röhrenpilze oder Röhrlinge. Und wenn Du jetzt sagst, der Steinpilz gehöre auch dazu, dann hast Du recht. Wenn Du aber behauptest, Du kennst den Steinpilz todsicher, so glaubt Dir dies der Xander nicht. Du wärst nämlich nicht der erste, der diesen Pilz "todsicher" kannte und dann eben doch einen anderen erwischt hatte. Hat nicht Dein Pilzkontrolleur etwas von "Galle" gemurmelt? Gallenröhrlinge sind übrigens giftig.
  • Eine weitere Gruppe weist noch Löcher auf der Hutunterseite auf, nämlich die Porlinge, zu denen die Fencheltramete gehört. Meistens sind diese Pilze aber nicht weich sondern eher hart und zäh, und zudem wachsen fast alle nicht auf dem Erdboden, sondern auf Baumstrünken, dürren Ästen oder anderem toten Holz.
  • Auf der Hutunterseite des Eierschwammes findest Du etwas Ähnliches wie die Blättchen der Blätterpilze. Diese Dinger sind aber breiter, dafür aber viel weniger hoch. Man bezeichnet sie als Leisten und die Gruppe als Leistlinge .
  • Auch Morcheln weisen Hut und Stiel auf. Der Hut sieht aber überall ungefähr gleich aus. Die Scheibenpilze, zu denen die Morcheln gehören, bilden eine sehr grosse und komplizierte Pilzgruppe. Deren allermeiste Vertreter sind aber sehr klein, nur wenige Millimeter im Durchmesser oder noch kleiner. Von den Trüffeln hast Du auch schon gehört. Diese knollenartigen Gebilde wachsen unterirdisch und sind deshalb nur schwer zu finden. Sie kommen aber nicht nur in Italien und Frankreich vor; auch bei uns kann oder könnte man sie finden.
  • Der Perlstäubling gehört zu den Bauchpilzen. Diese bestehen aus einer Kugel oder einem sackartigen Gebilde, eben dem "Bauch". Du wirst schon gesehen haben, dass sie "stäuben", d.h. Staubwolken entweichen ihrer Spitze, wenn man auf sie tritt. Das tun sie aber nur, wenn sie nicht mehr schön weiss, sondern braun oder grau geworden sind.
  • Als Vertreter der letzten Gruppe, der Keulenpilze, habe ich Dir den Grauen Ziegenbart gezeichnet. Manchmal bezeichnet man diese Pilze auch als Korallenpilze . Wer schon in der Südsee gebadet und auch getaucht hat, versteht warum.

So, dass wär's fürs erste Mal. Du wirst nicht erstaunt sein, von mir noch einen Auftrag zu erhalten. Der heisst ganz einfach: Halte die Augen offen, wo immer Du auch in der Natur bist und natürlich ganz besonders, wenn Du durch den Wald streichst. Schaue Dir alles Pilzliche an und versuche herauszufinden, zu welcher der neun ersten Hauptgruppen Dein Fund gehören könnte. Oder findest Du gar einen Spitzbuben, der mit den neun Familien nichts zu tun hat und noch anderswohin gehört?

Dein Xander

 

PS: Behalte Deine Entdeckungen nicht für Dich, sondern berichte, wenn und was Du gefunden hast.

 

Brief 01

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