Xanders
erster Pilzbrief
Lieber Jörg
Das
hat mich aber gefreut, wieder etwas von Dir zu hören.
Ehrlich! Wenn's auch nur ein Telefon war. Und wenn's auch
nur deshalb war, weil Du etwas haben wolltest. Ich habe mich
übrigens köstlich amüsiert über die Schilderung
Deiner ersten Gehversuche in den Pilzen. Da hättest Du
also einen Waldlauf absolviert - schliesslich tut man ja etwas
für seine Gesundheit, und die Freizeit könnte man
auch auf dümmere Art und Weise totschlagen und wärst
plötzlich inmitten von Pilzen gelandet. Pilze ringsum.
Massenhaft Pilze, wunderbare Pilze. Sooo viele und sooo schöne
Pilze, dass man sie einfach nehmen musste. Also rechtsumkehrt,
im Auto den Plastiksack geholt, zurückgerannt - gut durchatmen
in frischer Waldesluft tut wirklich gut - die Pilze in den
Sack gestopft, zum Wagen zurückgekehrt. Und da kam der
- offenbar etwas längliche - Abstecher in den "Bären".
Natürlich
musstest Du noch warten; denn die Pilzkontrollstelle ist ja
nur abends geöffnet. Immerhin, Du hast gewartet. Und
bist dann hingegangen. Und dieser Wicht von Pilzkontrolleur
hätte Dich angeschnauzt, man sammle nicht mit eine Plastiksack.
Ja, Himmel, hättest Du denn das Hemd oder die Hosen dazu
nehmen sollen? Und alles sei sowieso nur Mist. Auch von Galle
sagte er etwas, aber nicht von der, die in Dir hochstieg,
als er tatsächlich Deine herrlichen Pilze in den Eimer
schmiss. Und darauf grinste der Vetter Xander nur und hatte
so gar kein Erbarmen mit seinem Neffen. Der ihn dann aber
nicht nur höchst erstaunte, sondern eher sehr erfreute
mit seiner Absicht ja seinem festen Entschluss, die Pilze
"richtig zu lernen"! Zwar brummte er etwas, der
Xander, gern tut er's alleweil. Und weil ich weiss, dass Dein
Gedächtnis eben so ist, wie es heutzutage ist, schreibe
ich alles auf, damit Du meine Meinung nicht nur rasch am Draht
hörst, sondern noch ein paarmal lesen kannst. Also: Wer
wirklich die Absicht hat, Pilze verstehen zu lernen, muss
Bescheid wissen, dass sie in Gruppen eingeteilt werden.
Einige
Hauptgruppen von Pilzen
Selbstverständlich
weisst Du, dass es verschiedene Tiergruppen oder Tierfamilien
gibt. Du kennst Fische und Vögel, Insekten, Säugetiere,
Reptilien und wohl noch andere. Auch bei den Pflanzen und
den Pilzen gibt's solche Gruppen. Du weisst aber auch, dass
die Grösse eines Tieres oder dessen Farbe nichts mit
der Gruppeneinteilung zu tun hat. Der Walfisch ist nämlich
mit der Spitzmaus verwandt, nicht aber mit dem Tigerhai. Und
der Schwarze Panther hat trotz seiner Schwärze mit der
rabenschwärzesten Krähe rein gar nichts zu tun.
Genau so ist's auch bei den Pilzen: Grösse und Farbe
sind nicht so ausschlaggebend. Am Ende des
Briefes habe ich Dir neun Pilze gezeichnet, die ebenso
vielen verschiedenen Hauptgruppen angehören.
Einige
der Pilze - aber nicht alle - haben einen Hut und einen Stiel.
Einen solchen Hutpilz dreht der Pilzkenner zuerst einmal um;
denn das Wichtigste daran ist die Pilzunterseite. (Warum das
so schrecklich wichtig ist, erzähl ich Dir ein andermal).
- Die Hutunterseite des ersten Pilzes, des Gefleckten
Rüblings, ist von vielen sehr dünnen
und senkrechtstehenden Blättchen besetzt, die allesamt
wie die Speichen eines Rades vom Stiel zum Hutrand verlaufen.
Der Gefleckte Rübling gehört deshalb zu den
Blätterpilzen.
Diese bilden eine Riesengruppe,
zu der alle tödlich giftigen Arten, aber auch beste
Speisepilze gehören.
- Statt der Blättchen weisen der Habichtspilz
- Du kannst auch (Rehpilz) sagen - und andere
Pilze auf ihrer Hutunterseite feine Zäpfchen oder
weiche Stacheln auf. Diese Stachelpilze
sind nicht sehr zahlreich, und giftige Arten
unter ihnen kenne ich nicht.
- Zu einer dritten Gruppe gehört der Gallenröhrling.
Seine Hutunterseite zeigt feine Löcher,
die eigentlich die Mündungen zahlreicher senkrecht
zur Hutunterseite stehender, weicher Röhrchen darstellen.
Das sind die Röhrenpilze
oder
Röhrlinge. Und wenn Du jetzt
sagst, der Steinpilz gehöre auch dazu, dann hast
Du recht. Wenn Du aber behauptest, Du kennst den Steinpilz
todsicher, so glaubt Dir dies der Xander nicht. Du wärst
nämlich nicht der erste, der diesen Pilz "todsicher"
kannte und dann eben doch einen anderen erwischt hatte.
Hat nicht Dein Pilzkontrolleur etwas von "Galle"
gemurmelt? Gallenröhrlinge sind übrigens giftig.
- Eine weitere Gruppe weist noch Löcher auf der Hutunterseite
auf, nämlich die Porlinge,
zu denen die Fencheltramete
gehört. Meistens sind diese Pilze aber
nicht weich sondern eher hart und zäh, und zudem
wachsen fast alle nicht auf dem Erdboden, sondern auf
Baumstrünken, dürren Ästen oder anderem
toten Holz.
- Auf der Hutunterseite des Eierschwammes
findest Du etwas Ähnliches wie die Blättchen
der Blätterpilze. Diese Dinger sind aber breiter,
dafür aber viel weniger hoch. Man bezeichnet sie
als Leisten und die Gruppe als Leistlinge
.
- Auch Morcheln weisen Hut und
Stiel auf. Der Hut sieht aber überall ungefähr
gleich aus. Die Scheibenpilze,
zu denen die Morcheln gehören, bilden eine sehr grosse
und komplizierte Pilzgruppe. Deren allermeiste Vertreter
sind aber sehr klein, nur wenige Millimeter im Durchmesser
oder noch kleiner. Von den Trüffeln
hast Du auch schon gehört. Diese knollenartigen
Gebilde wachsen unterirdisch und sind deshalb nur schwer
zu finden. Sie kommen aber nicht nur in Italien und Frankreich
vor; auch bei uns kann oder könnte man sie finden.
- Der Perlstäubling gehört
zu den Bauchpilzen. Diese bestehen aus einer Kugel oder einem sackartigen
Gebilde, eben dem "Bauch". Du wirst schon gesehen
haben, dass sie "stäuben", d.h. Staubwolken
entweichen ihrer Spitze, wenn man auf sie tritt. Das tun
sie aber nur, wenn sie nicht mehr schön weiss, sondern
braun oder grau geworden sind.
- Als Vertreter der letzten Gruppe, der Keulenpilze, habe ich Dir den Grauen Ziegenbart
gezeichnet. Manchmal bezeichnet man diese Pilze
auch als Korallenpilze
. Wer schon in der Südsee gebadet und auch
getaucht hat, versteht warum.
So,
dass wär's fürs erste Mal. Du wirst nicht erstaunt
sein, von mir noch einen Auftrag zu erhalten. Der heisst ganz
einfach: Halte die Augen offen, wo immer Du auch in der Natur
bist und natürlich ganz besonders, wenn Du durch den
Wald streichst. Schaue Dir alles Pilzliche an und versuche
herauszufinden, zu welcher der neun ersten Hauptgruppen Dein
Fund gehören könnte. Oder findest Du gar einen Spitzbuben,
der mit den neun Familien nichts zu tun hat und noch anderswohin
gehört?
Dein
Xander
PS: Behalte Deine
Entdeckungen nicht für Dich, sondern berichte, wenn und
was Du gefunden hast.

2. Brief:
Die Blätterpilze
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