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Xanders
siebenundzwanzigster Pilzbrief
Lieber Jörg,
Meine
beiden Pilzbriefe 22
und 23
waren eine Einleitung in die Gastromyceten, in die Bauchpilze.
Diese Pilze kommen zum Teil recht häufig vor bei uns.
Dazu sind sie so auffällig, dass sie schon eh und je
das Interesse von gross und klein - seien es mykologische
Laien oder Experten - geweckt haben. Fast jeder hat doch schon
wenigstens einmal der Versuchung nicht widerstehen können,
jene kleinen Kugeln mit den Fingern oder - weniger fein -
mit dem Fuss zusammenzudrücken und dann dem erwarteten
Entweichen der braunen Staubwolke zuzusehen. In diesem Brief
möchte ich Dir helfen, einige Gattungen dieser Pilzgruppen
und ihre häufigsten Vertreter kennen zu lernen. Fast
wie in allen Bereichen der Pilzkunde haben aber die Mykologen
auch die Bauchpilze auf verschiedene Weisen in Gruppen zu
unterteilen versucht. Darum zunächst einige Vorbemerkungen
zu diesem «Einteilen in Gruppen».
Sonderbarerweise
betrifft die erste die Sprache. Wir reden deutsch, und Wörter
wie Steinpilze, Morchel, Frauentäubling und Totentrompete
sind uns allen geläufig. Wie viele deutsche Pilznamen
es gibt, weiss ich nicht. Vielleicht ein paar tausend. Die
Zahl aller Pilzarten geht aber in die Hunderttausende. Alle
schon entdeckten Pilze haben einen Namen - nicht unbedingt
einen deutschen, sicher aber einen lateinischen. Ebenfalls
lateinische, wissenschaftliche Namen tragen die «Obergruppen»
und die «Untergruppen», in die man die Pilze einteilt.
Die Endung des Gruppennamens sagt dabei dem Spezialisten,
was für einen «Rang» der Gruppenname hat.
Eine
der höchsten Pilzgruppen wird als Klasse bezeichnet;
alle Pilzklassen tragen die Endung «-mycetes»,
z. B. Ascomycetes, Basidiomycetes, Gastromycetes. Jede Klasse
wird in eine Reihe von Ordnungen eingeteilt,
die im lateinischen die Endung «-ales»
tragen (Agaricales, Boletales, Russulales). Die nächstuntere
Gruppe ist die Familie mit der Endung «-aceae»
(Agaricaceae, Clavariaceae, Phallaceae). Zuunterst in der
Rangstufe stehen die Gattung und die Art;
beide werden aber nicht durch eine besondere Endung ausgezeichnet.
(Da der Gattungsname aber als Substantiv und der Artname als
Adjektiv betrachtet werden, muss sich der Artname nach dem
Geschlecht des Gattungsnamens richten). Dass die Systematiker
noch Unterordnungen, Unterfamilien, Sektionen usw. geschaffen
haben, sei nur noch am Rande erwähnt.
Grundsätzlich
vereinigt man in einer Gruppe jene Dinge, die sich ähneln,
und man trennt, was verschieden aussieht. Nur ist nicht immer
gesagt, dass verschiedene Leute die gleichen Ähnlichkeiten
oder die gleichen Unterschiede sehen müssen. Das ist
denn auch der Grund, warum ein und derselbe Pilz von verschiedenen
Systematikern eben doch verschiedenen Gruppen zugewiesen werden
kann. Selbstverständlich führt dies denn auch zu
verschiedenen Bestimmungsschlüsseln.
Um
die unterschiedlichen Ansichten - sie können auch zu
unschönen Auseinandersetzungen führen - kümmert
sich die Natur aber nicht im geringsten. Sie bringt Einzelwesen
hervor, die sich fortpflanzen können; was Homo sapiens
dazu sagt, nimmt die Natur nicht einmal zur Kenntnis.
Die
Gastromyceten - Die Bauchpilze (3): Stäublinge und Boviste
(1)
Die
Klasse der Bauchpilze wird auf verschiedene Weisen unterteilt.
Einer der Vorschläge anerkennt die fünf Ordnungen
Lycoperdales, Sclerodermatales, Nidulariales,
Tulostomatales und Phallales. Auf dieser Grundlage
stelle ich Dir im folgenden einige Vertreter der ersten Ordnung
vor. Dazu gehören auch die Zeichnungen.
Es
ist ein Kennzeichen für die Lycoperdales, dass
die reife Gleba pulverförmig wird, wobei das «Pulver»
sowohl aus Sporen als auch aus Hyphenstücken des Capillitiums
besteht. Wenn sich die Exoperidie sternförmig öffnet,
gehört die Art zur Familie der Geastraceae (Erdsterne);
zerfällt die Exoperidie auf andere Art und Weise, ist
der Pilz ein Vertreter der Familie Lycoperdaceae (Stäublinge
und Boviste).
Die
grösste Art der Familie Lycoperdaceae trägt
den Namen Riesenbovist (Langermannia
gigantea, Abb. 1) zu recht, wurde doch in Deutschland
ein Exemplar gefunden, das mehr als 20 kg auf die Waage brachte.
Riesenboviste sind weiss - und bleiben es auch. Man findet
sie auf nährstoffreichen, grasigen Böden, auf Wiesen,
in Obstgärten und Parkanlagen. Wie alle Vertreter seiner
Gruppe ist der Riesenbovist essbar, solange seine Gleba weiss
und verhältnismässig fest ist.
Die
beiden Gattungen Bovista und Lycoperdon (Boviste
und Stäublinge im engeren Sinn) unterscheiden
sich vor allem durch ein mikroskopisches Merkmal. Bei den
Bovisten besteht das Capillitium aus Hyphen von sehr verschiedener
Dicke. Stelle Dir das Hyphengebilde als Baum vor: die untersten
Hyphen (vom «Stamm») sind sehr dick, bei den «Ästen»
sind sie schon weniger dick und schliesslich bei den «Zweigen»
recht dünn. Bei den Stäublingen weisen die Capillitiumhyphen
aber mehr oder weniger den gleichen Durchmesser auf. Die Sporen
beider Gattungen tragen oft ein Anhängsel. Es ist dies
ein Rest des Sterigmas und wird als Pedizelle bezeichnet.
Zwei
eher kleine Bovistarten, die Du in unserer Gegend finden kannst,
sind der Sumpfbovist (Bovista paludosa,
Abb. 2) und der Heide-Stäubling oder
Kleine Bovist (Bovista pusilla,
Abb. 3). Der Sumpfbovist erscheint an Moosen in Mooren oder
in sonst wie ausgesprochen feuchten Stellen. Der Heide-Stäubling
kommt auf eher sandigen, sonnigen Standorten, auf Trockenrasen
und in niedrigem Moos vor. - Etwas grösser sind zwei
ebenfalls ziemlich häufige Arten: Der Schwärzende
Bovist (Bovista nigrescens, Abb. 4) hat
im Reifezustand eine braune, glänzende Endoperidie, die
von der Basis aufwärts schwärzt. Anderseits ist
die Exoperidie ziemlich zäh und verschwindet nur langsam.
Nicht selten rollt der Wind die zähen Fruchtkörper
fort und lässt so die Sporen durch die rundlich-lappige
Öffnung entweichen. Beim Eierbovist (Bovista
plumbea, Abb. 5) schält sich die reife Exoperidie
wie die Schale eines Eies und lässt die pergamentartige,
bleigraue Endoperidie mit ihrer rundlichen Öffnung (Ostiolum)
erscheinen. Bemerkenswert sind die Sporen, die bis 20 µm
lange Pedizellen aufweisen.
Ähnlich
mit der vorhergehenden Art und darum wohl auch oft mit ihr
verwechselt ist der Starkriechende Bovist (Bovista
graveolens, Abb. 6). Sein bevorzugter Standort sind Getreidefelder;
man kann ihn aber auch in Gärten finden. Wichtigstes
Unterscheidungsmerkmal sind die Sporen, die stets eine fast
rechtwinklig abgebogene Pedizelle aufweisen, die an ihrem
Ende dazu noch etwas verbreitert ist. - Im übrigen weisen
die vier zuletzt erwähnten Arten keine Subgleba auf,
nur der Sumpfbovist (B. paludosa) hat eine sterile
Basis. Interessant ist auch, dass nur die Sporen des Heide-Stäublings
(B. pusilla) keine Pedizellen aufweisen.
Noch
zwei weitere Gattungen der Lycoperdaceae will ich Dir vorstellen.
Dies bleibe aber dem nächsten Pilzbrief vorbehalten.
In der Zwischenzeit grüsst Dich freundlich
Dein
Xander
Stäublinge
und Boviste (Lycoperdaceae)

| 1. |
Riesenbovist (Langermannia gigantea) |
| 2. |
Sumpfbovist (Bovista paludosa), auf Sonnentau und Moos |
| 3. |
Heide-Stäubling oder Kleiner Bovist (Bovista pusilla) |
| 4. |
Schwärzender Bovist (Bovista nigrescens) |
| 5. |
Eierbovist (Bovista plumbea) |
| 6. |
Starkriechender Bovist (Bovista graveolens) |
Hier
noch die Lösungen der kleinen Übung aus dem 26. Brief
Pilz |
Geruch |
| 1. Lactarius helvus |
F.
Maggiwürze |
2. Tricholoma
bufonium |
A.
Leuchtgas |
3. Hygrophorus
agathosmus |
E.
Bittermandeln |
4. Lactarius
glyciosmus |
G.
Koko |
5. Calocybe
gambosa |
C.
Mehl |
6. Mycena
pura |
D.
Rettich |
7. Russula
xerampelina |
B.
Hering |
8. Clitocybe
odora |
H.
Anis |
|