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Xanders
dreiundzwanzigster Brief
Lieber Jörg,
Die vielfältigen
Formen und Lebensabläufe der Bauchpilze (Gastromyceten)
haben die Mykologen veranlasst, für diese Pilzklasse
eine besondere Reihe beschreibender Ausdrücke zu prägen.
Hier erläutere ich Dir einige in Wort und mit Zeichnung.
Die
Gastromyceten - Die Bauchpilze (2)
Die
Bauchpilze sind Basidiomyceten . Es ist zwar
nicht leicht sie zu mikroskopieren; aber Du wirst den- noch
die Basidien finden, die die Basidiosporen erzeugen. Normalerweise
bilden die Basidien ein Hymenium, das die Wände von vielen
kleinen inneren Höhlungen auskleidet, die man gewöhnlich
als Kammern bezeichnet. Die Kammern sind
in die Trama eingebettet, die ein Gewebe
von manchmal radial angeordneten Hyphen ist. Trama und Kammern
werden zusammen als Gleba bezeichnet. Bei
gewissen Bauchpilzen ist der untere Teil der Gleba steril,
also ohne Basidien, und er kann sogar die Form eines Stiels
annehmen. Man spricht in diesem Fall von einer Subgleba
, die manchmal deutlich durch eine besondere Zellschicht,
dem Diaphragma von der eigentlichen Gleba getrennt ist. Die
Tramahyphen weisen zum Teil sehr dicke Wände auf; solche
werden als Skeletthyphen bezeichnet. Sie
bilden das Capillitium , dessen Bruchstücke
noch in reifen Fruchtkörpern zu finden sind, wenn die
Gleba also schon zu Pulverstaub geworden ist.
Viele
Bauchpilze sind epigäisch (d. h. sie
entwickeln sich oberirdisch, auf dem Erdboden oder auf Holz),
andere sind aber hypogäisch (ihre Fruchtkörper
wachsen unterirdisch, also unter der Erdoberfläche).
Nicht wenige Pilzler haben sich schon leicht täuschen
lassen: sie meinen wohlschmeckende Trüffeln gefunden
zu haben - Trüffeln sind aber Schlauchpilze. In Wirklichkeit
hat unser Pilzfreund aber nur hypogäische Bauchpilze
gefunden, die eben Basidien und keine Asci tragen.
Normalerweise ist
die Gleba von einer Gewebehaut, der Peridie
umschlossen, die meist aus verschiedenen Schichten besteht.
Je nach Art und Gattung unterscheidet man die Exoperidie
(äusserste Gewebeschicht) und die Endoperidie
(innerste Gewebeschicht). Beide können aus
einer einzigen Schicht bestehen oder aber aus mehreren Schichten
aufgebaut sein. Die Exoperidie ist manchmal ganz oder zum
Teil noch von einer äusseren Myzelialschicht umgeben.
Eine solche kann auch als keulenförmige, sterile Säule
gegen den Mittelpunkt der Gleba verlängert werden; dieser
Hyphenstrang wird als Columella oder Pseudocolumella
bezeichnet. Die Exoperidie löst sich - je nach
Gattung und Art - auf verschiedene Weisen von der Endoperidie.
Die Art des Sichtloslösens stellt dabei ein wichtiges
Unterscheidungsmerkmal dar. Der Eierbovist (Bovista plumbea)
schält sich wie ein Ei, während
die Exoperidie bei den Stäublingsarten (Gattung Lycoperdon)
in Stücke zerfällt . Zurück
bleiben auf der Oberfläche kleiige, körnige oder
kegelförmige Warzen oder Bündel von pyramidenförmig
zusammengesetzten Stacheln. Mit der Zeit wird die Exoperidie
ganz verschwinden und die nackte, pergamentartige Endoperidie
sichtbar. Auch kann die Exoperidie sehr verschieden dick sein:
bei den meisten Stäublingsarten ist sie eher dünn,
bei den Erdsternen (Geastrum) und den Kartoffelbovisten
(Scleroderma) aber oft mehrere Millimeter dick.
Eigenartig
verläuft die Entwicklung bei den Erdsternen (Geastrum;
griechisch «ge» = Erde; «aster»
= Stern). Kurz bevor der Fruchtkörper reif geworden ist,
zerreisst die dicke Exoperidie in dreieckige Lappen
- ihre Anzahl ist übrigens ein wichtiges Bestimmungsmerkmal.
Diese Stücke krümmen sich gegen aussen; ihre Spitzen
stemmen sich auf den Boden und heben dabei die Endoperidie
mit ihrem Inhalt über den Erdboden. Der Pilz hat nun
das Aussehen eines Sterns, der in seiner Mitte eine Kugel
trägt - könnte er einen zutreffenderen Namen als
«Erdstern» haben? Manche Erdsternarten sind hygroskopisch
, d. h. der Stern öffnet oder schliesst sich
je nach dem Feuchtigkeitsgrad seines lokalen Mikroklimas.
Verbreitet werden die Sporen gleich wie bei den Stäublingen.
Erstaunliche
Gebilde sind die Nestpilze und Teuerlinge
(Nidulariales). Stelle Dir mehr oder weniger
konische Becherchen vor, die zunächst mit einem häutigen
Deckelchen (Epiphragma) verschlossen sind.
Wenn das Deckelchen zerreisst, siehst Du auf dem Grund des
Becherchens eine Anzahl kleiner linsenförmiger Peridiolen.
Eine einzelne Peridiole ist dabei nichts anderes als ein Mini-Stäubling.
Normalerweise ist sie auf der Innenseite des Becherchens durch
einen zusammengerollten, fadenförmigen Hyphenstrang,
den Funiculus , befestigt. Die Peridiolen
und die in ihnen enthaltenen reifen Sporen warten nun auf
einen Regentropfen. Fällt ein solcher in das Becherchen,
werden die Peridiolen hinausgeschleudert. Der Funiculus wird
auseinandergezogen und das ganze Paket bleibt so vielleicht
an irgend einem Grashalm hängen. Die sonderbaren Miniaturvogelnester
haben eben auch eine sonderbare Art gefunden, ihre Sporen
zu verbreiten.
Noch ein Wort zu den
Phallaies . Diese «Pilzblumen»
gehören zu den schönsten, aber auch zu den sonderbarsten
Pilzarten, die man überhaupt antreffen kann. Zunächst
ist jeder Vertreter dieser Familie eiförmig und eingebettet
in einer schleimigen Masse, die später als Volva am Grund
des entwickelten Fruchtkörpers zu finden ist. Dieser
kann sehr verschiedene Formen aufweisen und auch sehr schön
sein: Er mag einer Morchel, einem Tintenfisch, einem Gitterwerk,
einer Blume oder auch einer Laterne ähnlich sehen, und
er weist häufig eine intensive rotorange Farbe auf. Interessant
ist auch hier die Sporenverbreitung: Die grünliche
Gleba haftet offen als Tropfen oder als klebrige
Streifen auf den Fruchtkörpern, und sie riecht für
unsere Nase sehr schlecht, nämlich nach Aas. Dies lockt
Fliegen und Insekten herbei, die gierig den für uns ekelerregenden
Gelee aufsaugen - inbegriffen die sehr kleinen Sporen. Die
Tierchen fliegen darauf weg, und irgendwo werden sie mit ihren
Exkrementen die Sporen aussäen. Zwei Bemerkungen sollen
den Schluss des heutigen Briefes bilden. Bauchpilze können
sehr gross, aber auch sehr klein sein. Der Riesenbovist (Langermannia
gigantea) trägt seinen Namen zu Recht, kann er doch
einen Durchmesser von fast einem halben Meter aufweisen und
über zehn Kilogramm wiegen. Demgegenüber erreicht
der Durchmesser eines Fruchtkörperchens von Mycocalia
minutissima nicht einmal einen halben Millimeter. Dieser
Winzling wächst auf Pflanzenresten an sehr feuchten Stellen.
- Die Sporen aller Gastromyceten weisen eine Symmetrieachse
und mehr als eine Symmetrieebene auf. Sie können kugelig,
ellipsoidisch, spindelig oder zylindrisch sein. Nie steht
der Apiculus seitlich schief; stets befindet er sich in der
verlängerten Symmetrieachse.
Einige
erklärende, schematische Zeichnungen begleiten diesen
Brief. In einem nächsten werde ich Dir einige Gattungen
und Arten dieser ungewöhnlichen Pilzklasse vorstellen.
Bis dahin sei herzlich gegrüsst von
Deinem
Xander
| Abbildung 1 |
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A, B:
C:
D:
E:
a, b:
c:
d:
e:
f:
g:
h:
k: |
Schematische
Zeichnung eines Bauchpilzes Gastromycet)
Erdstern (Geastrum)
-
Teuerling
(Beispiel eines Nestpilzes, Nidulariales)
Gitterling
(Beispiel eines «Blumenpilzes», Phallales)
Exoperidie
Endoperidie
Gleba (Bei
E befindet sich die Gleba auf der Innenseite des Gitterwerkes)
Pseudocolumella
sterile Subgleba
Diaphragma
Peridiolen
Ostiolum
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