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Xanders
einundzwanzigster Brief
Lieber Jörg,
Ich
hoffe, Du habest meinen letzten Brief über die Saprobionten
gut verdaut. - Pilze sind keine Pflanzen; aber ohne Pflanzen
können sie nicht leben, und ohne ihre Abbauarbeit müssten
die Pflanzen auch zugrunde gehen. Dieses Hand-in-Hand-Arbeiten
ist für mich eine der genialsten Erfindungen der Natur.
Deren Vielfalt und Ideenreichtum geht aber noch viel weiter,
und darum heisst das heutige Thema
Von der Ernährung
der Pilze -Zweiter Teil: Mykorrhiza (Wurzelverpilzung)
Was
ich Dir letztesmal erzählte, reicht noch nicht aus, um
zu erklären, warum der graue Lärchenröhrling
(Suillus aeruginascens) bei Lärchen und der
Fichtenreizker (Lactarius deterrimus) bei Rottannen
wächst. Diese beiden Pilze sind keine Saprobionten, bauen
sie doch kein Totholz ab. Vielmehr wachsen sie bei lebenden
Bäumen. Mit diesen bilden sie eine regelrechte Lebensgemeinschaft,
die wie jede wahre Gemeinschaft - auch auf menschlicher Ebene
-genau so lange funktioniert, wie beide Partner zwar auf ihre
Rechnung kommen, aber auch ihr Teil zum Wohl der Gemeinschaft
beitragen.
Sicher
stellen die Pilze den aktiveren Partner dar. - Bei einer ersten
Art von Wurzelverpilzung - man bezeichnet sie als Ektomykorrhiza
- umspinnt das Pilzmyzel die Enden der verdickten
Baumwurzeln mit einem feinen, aber dichten, watteförmigen
Geflecht. Die Endhyphen dringen darauf zwischen die Wurzelrindenzellen
hinein und bilden dort ein weit verzweigtes Netz (Abbildung 1).
Das Ganze sieht etwa so aus, wie wenn man über die Wurzelspitzen
(die «Finger») einen Wollhandschuh stülpen
würde. Zwischen den Zellen des Baumes und den netzbildenden
Pilzhyphen findet ein Austausch statt: Der Pilz bezieht Kohlenhydrate
(verschiedene Zucker und Stärke), die ihm als Nahrung
dienen. Dafür erhält der Baumpartner Stickstoff,
Phosphor, Kalium, Calcium, Natrium und weitere Mineralstoffe.
Besonders wichtig ist es für ihn, auch Wasser zu bekommen.
Für den Baum ist der Pilz nämlich eine «verlängerte
Wurzel». Sein eigenes Wurzelwerk erstreckt sich bei
einem zweijährigen Sämling nur über etwa 1
dm 2 Bodenfläche, beim Zehnjährigen über
1 m 2 und bei älteren Bäumen entsprechend mehr.
Das Pilzmyzel durchwächst aber ein viel grösseres
Gebiet, das Tausende von Quadratmetern umfassen kann. Dazu
ist es auch sehr engmaschig und nützt den Boden viel
intensiver aus. Es hat somit die Möglichkeit, im weiten
Umkreis und sehr gründlich Wasser und Mineralstoffe zu
sammeln und -wegen seiner «Röhrenstruktur»
- leicht über grössere Strecken zu transportieren.
Untersuchungen
haben ergeben, dass mit Ausnahme der Eibe alle unsere Nadelbäume,
also Rot- und Weisstanne, Lärche, Föhre und Arve
sowie auch die wichtigsten Laubbäume (Rot- und Hagebuche,
Eiche und Edelkastanie, Birke, Weide, Erle und Pappel) ihre
Pilzpartner haben. Fehlen diese, gedeihen die Bäume nur
schlecht; sie serbeln oder sterben sogar ab. Im Ausland musste
man dies an verschiedenen Orten erfahren, wo man grössere
Gebiete aufforsten wollte, die vorher nicht bewaldet gewesen
waren, der Boden also keine Mykorrhizapilze enthielt. Längst
haben aber auch unsere Förster gelernt, im Pflanzgarten
die jungen Bäume recht eigentlich mit Pilzmyzelien zu
impfen. Für Bäume in ausgesprochen mageren Böden
- zum Beispiel in den Alpen, wo der Wald Sicherheit vor Lawinen
bedeutet - ist diese pilzliche Beihilfe geradezu lebenswichtig.
Die Aufforstungen, die wegen Sturmschäden nötig
sind, werden ohne die Pilze nicht gelingen.
Im
übrigen sei noch erwähnt, dass der dichte «Pilzhandschuh»
die kleinen Baumwürzelchen gegen Bakterien, parasitische
Pilze und weitere Mikroorganismen zu schützen vermag.
Eine
zweite Art von Wurzelverpilzung wird als Endomykorrhiza
bezeichnet. Hier umspinnen die Pilzhyphen nicht
die Wurzelrindenzellen, sondern dringen durch die Zellwände
in die Zellen hinein (Abbildung 2).
Der Austausch erfolgt in der Pflanzenzelle. Allerdings ist
die Gefahr gross, dass die Lebensgemeinschaft so stark vom
eindringenden Pilz dominiert wird, dass man fast von Schmarotzertum
sprechen kann. Eine klare Grenze zu ziehen ist aber unmöglich.
- Endomykorrhiza trifft man nur selten bei Bäumen, wohl
aber sehr häufig bei den andern Pflanzen. Es scheint,
dass nicht weniger als 3/4 aller höheren Pflanzen, darunter
die Gräser (einschliesslich unsere Getreidearten!) diese
Art von Wurzelverpilzung kennen. - Sehr wichtig ist sie auch
für die Erikagewächse, die wir bei uns als typische
Vertreter schlechter Böden kennen, gedeihen sie doch
offensichtlich sehr gut sowohl in den Randzonen der Moore
als auch in Bergregionen. Ohne ihre Wurzelpilze könnten
sie dort aber nicht leben.
Seit
vielen Jahren weiss man, dass unsere einheimischen Orchideen
ebenfalls Pilzpartner haben - und brauchen. Ohne deren Beihilfe
könnten die Orchideensamen nicht einmal keimen. Diese
sind nämlich so winzig klein, dass sie praktisch überhaupt
kein Nährgewebe besitzen. Den Ammendienst für die
Keimlinge übernehmen deshalb gewisse Pilze. Zu ihnen
gehört u. a. die im «Jülich» aufgeführte
Thanatephorus orchidicola. Sogar der Hallimasch (!)
geht ein Mykorrhizaverhältnis mit gewissen Orchideen
ein.
Die
Zahl der Mykorrhizapilzarten ist sehr gross. Die Forschung
hat bestätigt (und dabei noch viele Einzel- und Sonderheiten
herausgefunden), was viele Pilzsammler auf ihren Pirschgängen
schon längst erfahren hatten. An Bäume gebunden
sind viele oder sogar alle Arten aus den Gattungen bzw. der
Familie der Röhrlinge (Boletales), Eierschwämme/Pfifferlinge
(Cantharellus), Fälblinge (Hebeloma), Stachelpilze (Sarcodon),
Wulstlinge (Amanita), Risspilze (Inocybe), Milchlinge (Lactarius),
Täublinge (Russula), Kremplinge (Paxillus) und Zigeuner
(Rozites). Diese Gattungsliste ist noch längst nicht
vollständig. Untersucht man auch das Verhalten der einzelnen
Arten, stellt man fest, dass ihre Bindung an bestimmte Bäume
sehr verschieden sein kann.
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Pilze wie der Grüne
Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), der
Fliegenpilz (Amanita muscaria) und die Marone
(Xerocomus badius) sind recht «weltoffen»,
haben sie doch ein sehr breites Wirtsspektrum: Sowohl
mit Laub- als auch mit Nadelbäumen gehen sie Mykorrhizaverbindungen
ein. |
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Etwas wählerischer ist der
Satansröhrling (Boletus satanas), der
zwar bei verschiedenen Laubbäumen zu Hause sein
kann, Nadelbäume aber nicht beachtet. Noch mehr
schränkt sich der Elfenbeinröhrling ein (Suillus
placidus); er vergesellschaftet sich nur mit fünfnadeligen
Föhrenarten (z.B. Arve und Weymouthsföhre);
um die gewöhnliche, zweinadelige Waldföhre
kümmert er sich aber überhaupt nicht. |
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Wohl am interessantesten sind aber jene Pilze, die mit
einer einzigen Baumart zusammenleben können. Ihre
Zahl ist recht gross. Erwähnt werden sollen nur:
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Hohlfuss
Röhrling (Boletinus cavipes), nur bei
Lärche,
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ElfenbeinschneckIing
(Hygrophorus ebumeus), nur bei Rotbuche,
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FrostschneckIing
(Hygrophorus hypothejus), nur bei Föhre,
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Birken Reizker
(Lactarius torminosus), nur bei Birke,
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Wieseltäubling
(Russula mustelina), nur bei Rottanne.
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Natürlich
ist es auch eine ausgezeichnete Bestimmungshilfe, zu wissen,
bei welchen Baumarten ein Pilz vorkommen oder eben nicht vorkommen
kann. Diese wichtige Bemerkung kennst Du zwar schon aus früheren
Pilzbriefen; jetzt weisst Du aber auch, warum dem so ist.
Auch die Intensität
des gemeinschaftlichen Zusammenlebens kann recht verschieden
sein. Auf der eine Seite figurieren Pilze, die so stark auf
den Austausch mit «ihrem» Baum angewiesen sind,
dass sie verschwinden, d. h. absterben, wenn der Baum zugrunde
geht oder entfernt wird. Bei anderen Arten erhält man
aber den Eindruck, der Pilz bekomme aus der Verbindung mit
dem Baum lediglich eine Art «Zusatzkost» zur gewöhnlichen
«Speise», die der Pilz aus seiner saprobiontischen
Abbauarbeit erhält. Damit ist das Thema Ernährung
der Pilze aber immer noch nicht abgeschlossen. Dies bleibt
einem späteren Pilzbrief vorbehalten. Bis dahin grüsst
herzlich
Dein Xander
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C:
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Abbildung
1
Ektomykorrhiza
Myzelstränge.
Watteförmiges
Geflecht (Myzel) um die Endwurzeln eines Baumes.
Die Endhyphen
dringen zwischen die Wurzelrindenzellen,
aber nicht in die Zellen hinein. |
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Abbildung
2
Endomykorrhiza
Myzelstränge.
Hier dringen
die Endhyphen in die Pflanzenzellen hinein; sie bilden
darin Knäuelchen (wie z.B. bei
den Orchideen). In anderen Fällen sieht man eine
feine Verzweigung des Myzels im Protoplasma
der Pflanzenzellen. |
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