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Xanders
zwanzigster Brief
Lieber Jörg,
Es gibt Perioden wo
die Blätterpilze recht selten sind. Andere Pilze gibt
es zwar noch zuhauf; aber sie sind meist klein oder gut versteckt,
oder ihre Konsistenz ist so beschaffen, dass sie vom Speisepilzsammler
sowieso «übersehen» werden. Grund genug,
im heutigen Brief zur Abwechslung wieder einmal auf ein grundsätzliches
Thema zu sprechen zu kommen, nähmlich über der Ernährung
der Pilze. Im ersten Teil behandeln wir die reine Saprobionten.
Wenn
mir jemand einen ihm unbekannten Fruchtkörper unter die
Nase streckt und mich nach dessen Namen fragt, stelle ich
häufig die Gegenfrage: Wo hast du denn den gefunden?
Dabei meine ich nicht die geographische Lage des Fundortes,
sondern den «Standort». Dazu gehören Angaben
über Wald- und Vegetationstyp und besonders über
begleitende Bäume. Wer nämlich häufig auf Pilzjagd
geht, weiss sehr wohl, dass an verschiedenen Orten eben verschiedene
Pilze vorkommen.
Unter
den Föhren und Zwischen den Heidelbeersträuchern
«Deines Moores» findest Du wahrscheinlich den
Orangeroten Graustieltäubling (Russula decolorans),
in den Rottannenwäldern der Alpen aber den Wieseltäubling
(R. mustelina). In einer am Waldrand gelegenen Magerwiese
hat es im Herbst gewiss Saftlinge (Hygrocybe), auf
dem Schuttplatz Schopftintlinge (Coprinus comatus) und
auf den Nadelholzstrünken Rauchblättrige Schwefelköpfe
(Hypholomacapnoides). Solche Aussagen könnte
man auch umdrehen und betonen, dass gewisse Pilze nur an ganz
bestimmten Standorten gefunden werden. Der Dir bekannte Eispilz
oder Katzenzünglein (Pseudohydnum gelatinosum) kommt
nur im Wald und niemals auf Wiesen vor; er wächst nur
auf Holz und nicht am Boden, und Du kannst Gift darauf nehmen,
dass der Strunk, von dem Du ihn geerntet hast, nicht einer
Buche sondern einem Nadelbaum gehört hat. Wenn ich im
Wald einen Fichtenzapfenrübling zu erkennen glaube, grüble
ich den Boden etwas auf und finde bestimmt darunter einen
halbverfaulten Zapfen. Wenn es dann aber entgegen meiner Erwartung
nicht ein Rottannen- sondern ein Föhrenzapfen ist, weiss
ich genau, dass meine Schnellbestimmung falsch war und ich
eben nicht Strobilurus esculentus (so lautet der
wissenschaftliche Name des Fichtenzapfenrüblings) sondern
seinen Bruder, Strobilurus tenacellus, den Föhrenzapfenrübling,
gefunden habe. Makroskopisch ähneln sich die beiden sehr;
sicher lassen sie sich nur mit Hilfe des Mikroskopes unterscheiden
- sofern man ihren genauen Standort nicht kennt!
Der
Grund für alle diese Unterschiede liegt natürlich
darin, dass an den verschiedenen Standorten bzw. in den verschiedenen
Substraten das Nahrungsangebot verschieden ist. Pilze sind
äusserst wählerisch, was ihren Speisezettel anbetrifft.
Das ist natürlich auch der Grund, weshalb Du auf dem
frischen und mit grösster Sorgfalt vorbereiteten Gartenbeet
noch so viele Steinpilz- und Eierschwammsporen ausstreuen
kannst - Pilze wirst Du keine kriegen.
Um
dies zu verstehen, muss ich Dich an eine Schulstunde erinnern,
in der Dir Dein Naturkundelehrer von der Ernährung der
Pflanzen sprach. Unser Lehrer erzählte dabei etwa folgendes:
Um eine Mahlzeit zuzubereiten, braucht es Nahrungsmittel,
Wasser, eine Wärmequelle und dazu noch eine Küche
und einen Koch. Die Pflanzen beziehen sowohl ihren Wasser
- als auch den grössten Teil ihres Nahrungsmittelbedarfes
- vorab verschiedenste Mineralsalze - aus dem Boden. Die Luft
liefert das Kohledioxid. Das Blatt ist ihre Küche und
das Sonnenlicht ihre Energiequelle. Hier «kochen die
Köche», das sind die Chlorophyllkörner (Blattgrün)
im Innern des Blattes. Dieser Prozess wird als Photosynthese
bezeichnet; die organischen Endprodukte sind verschiedenste
Kohlehydrate (z.B. Zucker und Stärke) und Eiweiss.
Fast
alle Pflanzen haben Chlorophyll und betreiben somit Photosynthese,
die nicht nur ihnen, sondern direkt oder indirekt auch die
Lebensgrundlage von allen Tieren und auch von uns Menschen
bildet.
Im
Gegensatz zu den Pflanzen haben die Pilze aber kein Chlorophyll.
Wenn schon einmal ein Fruchtkörper irgendwie grün
gefärbt ist, hat dies nämlich nichts mit Blattgrün
zu tun. Die Pilze kennen keine Photosynthese und können
darum also nicht wie die Pflanzen aus anorganischen Stoffen
ihre Zellen aufbauen. Vielmehr benötigen die Pilze, wie
die Tiere und wir Menschen, organische Stoffe verschiedenster
Art, bauen diese ab und erhalten aus diesem Abbau sowohl die
nötigen eigenen Aufbaustoffe als auch ihre gesamte Energie.
Wasserlösliche Stoffe nehmen sie direkt durch die Hyphenwand
auf. Schwieriger ist der Abbau von Substanzen wie z. B. Zellulose
und Lignin (Holzstoff). Dazu scheiden die Pilze durch die
Hyphen Enzyme in ihr Substrat aus, die dieses (ausserhalb
der Pilzhyphe) «verdauen». Der verdaute Stoff
findet dann ebenfalls durch die Hyphenwand seinen Weg ins
Protoplasma der Pilzhyphe. Jeder organische Stoff - egal ob
Pflanze, Tier öder sogar ein anderer Pilz, egal ob ein
lebender oder ein toter Organismus - kann Pilzen dabei als
Nahrung dienen. Es kann dies ein Ast, ein Stengel, ein grünes
Blatt, eine Tannadel, eine Beere sein; es kann eine Insektenpuppe,
eine Vogelfeder, die Haut zwischen Deinen Zehen oder Erdöl
sein; es können Exkremente sein oder ein Blatt, das der
Herbststurm heruntergefegt hat. Oder die Reste dieses Blattes,
die man im Jahr darauf noch findet. Oder die Reste dieser
Reste, die Du gar nicht mehr als Blattresten erkennen kannst
- Du wirst dann von Humus sprechen. Und so lange dieser Humus
noch organische Stoffe enthält, so lange noch nicht alles
zu anorganischen, mineralischen Stoffen abgebaut ist, dient
er irgend einem Pilz - und später auch den Bakterien
- immer noch als Nahrung.
Nicht
jedem Pilz sagt jeder organische Stoff gleich gut als Nahrung
zu. Du weisst ja, wie Pilze wählerisch sind; sie haben
ihre Vorlieben und kümmern sich um noch so hübsche
andere Angebote nicht. Das Hallimaschmyzel wird auch im schwärzesten
und lockersten Humus des Waldbodens nicht wachsen können
- es verlangt nach totem Holz. Auch nach Holz verlangt die
Striegelige Tramete (Trametes hirsuta); sie will
aber nicht irgendein Holz, sondern Laubholz. Der Pflaumenfeuerschwamm
(Phellinus tuberculosus oder Ph. pomaceus) will
auch Laubholz, aber nicht irgendein Laubholz, sondern nur
solches einer Steinobstart. Die Spezialisierung kann noch
weiter gehen. Ein kleiner Massenpilz unserer Rottannenwälder
ist Micromphale perforans. Hebst Du ein Exemplar
sorgfältig auf, stellst Du fest, dass an seiner Basis
eine Fichtennadel hängt. Diese ist seine Speisekammer,
und der deutsche Name des Pilzes lautet darum Nadel-Schwindling.
Präziser wäre der Name Fichtennadel-Schwindling;
auf Föhrennadeln suchst Du ihn nämlich vergebens.
Auf diesen gedeiht dafür Naemacyclus minor, das
Eingesenkte Föhrennadelbecherchen. Auch die oben erwähnten
und zugegebenerweise recht sonderbaren Substrate Insektenpuppen,
Vogelfedern und Erdöl sind die bevorzugte bzw. einzige
Nahrungsgrundlage von recht wohlbekannten Pilzen. Im übrigen
liesse sich diese Liste beliebig vermehren.
Einen
Pilz «kennen» heisst nicht nur wissen, wie er
aussieht. Es bedeutet auch, darüber Bescheid zu wissen,
was für Nahrungsansprüche er stellt, wo er wachsen
und wo er eben nicht wachsen kann. Das ist ein weites, aber
sehr interessantes Gebiet. Dieses Wissen ist eine gewichtige
Bestimmungshilfe, vor allem aber kann es uns die Augen öffnen
für unendlich viele Zusammenhänge in der Natur.
Hast
Du Dir zum Beispiel schon überlegt, was für Folgen
es hätte, wenn es keine Pilze gäbe, die die abgestorbenen
Pflanzen abbauen? Die Herbstblätter fielen weiterhin
vom Baum, würden aber nicht verfaulen. Auch die toten
Zweige, Äste und Stämme blieben auf dem Boden liegen,
vermodern würden sie nicht mehr. Auch das verwelkte Gras
bliebe unverrottet und die Vogelfeder unverwest liegen. Im
darauffolgenden Herbst fiele eine weitere Schicht Blätter,
Zweige und Stengel zu Boden - und bliebe gleichfalls liegen.
Jahr für Jahr geschähe dasselbe, und mit jeder neuen
Schicht wüchse dieser natürliche Abfallberg. Sobald
der hoch genug ist, werden die Pflanzen unweigerlich in ihrem
eigenen Abfall erstikken. Vielleicht sind sie aber auch schon
vorher eingegangen, weil sie ganz einfach verhungert sind.
Wie Du nämlich weisst, benötigen die Pflanzen neben
Wasser und Luft die Mineralsubstanzen des Bodens, um mit Hilfe
der Sonnenenergie die hochwertigen Kohlehydrate in Stamm oder
Stengel, Blättern und Früchten aufzubauen. Die nach
einer Vegetationsperiode zu Boden fallenden toten Blätter
sind für die Ernährung der Pflanze zunächst
aber wertlos. Ein Buchenkeimling kann sich doch nicht von
einem Buchenast oder von Buchenlaub ernähren! Er benötigt
mineralische, anorganische Stoffe. Damit das Laub und die
Äste diese freigeben, müssen sie vermodern
, das Gras muss verfaulen , die
Erdbeere muss verschimmeln .
Nur
so werden Pflanzen- und Tierleichen in die ursprünglichen
mineralischen Bestandteile zerlegt. Dieses Vermodern, Verfaulen,
Verschimmeln und Verrotten besorgen zuerst die Pilze, dann
auch Bakterien und weitere Mikroorganismen. Die Natur hat
den Pilzen eine ungeheuer wichtige Aufgabe zugedacht: die
biologische Zerlegung toter organischer Substanzen. Auch wenn
Bakterien bei diesem Prozess mitwirken, sollen die Pilze zuerst
genannt werden; denn nur sie - und nicht einmal alle - sind
in der Lage, Lignin (Zellstoff) und Zellulose des Holzes abzubauen.
Die Pilze sind deshalb überaus wichtige Akteure in einem
biologischen Kreislauf. Recycling mag ein wichtiges modernes
Wort sein. Die Natur praktiziert Recycling aber schon seit
Hunderten von Millionen Jahren.
Um
diese Aufgabe optimal erfüllen zu können, haben
die Pilze übrigens eine ideale Form: sie sind fadenförmig.
Diese Gestalt ermöglicht es ihnen, das Substrat - sei
dies nun ein Blatt oder ein Aststück, ein Apfel öder
der Humus - in allen Richtungen zu durchwachsen. Alle Austauschprozesse
geschehen dabei durch die Hyphenwände. Da die Hyphen
sehr lang, aber sehr dünn sind, ist das Verhältnis
von Hyphenoberfläche zu ihrem Volumen sehr gross, für
die vorgesehene Funktion also bestens geeignet. Dieses Verhältnis
ist grösser und darum besser als bei jeder anderen theoretisch
möglichen Form.
Die
Pilze, die nur auf die geschilderte Weise tote organische
Stoffe abbauen, und daraus Nahrung und Energie erhalten, nennt
man reine Saprobionten
(Fäulnisbewohner, vom griechischen «sapros»
= verfault und «bios» = Leben, davon abgeleitet
[lebender] Organismus; auch der Ausdruck «Saprophyt»
wird etwa benützt). Die reinen Saprobionten sind sehr
zahlreich. Daneben gibt es aber auch noch Mykorrhizapilze
und weitere Spezialisten. Von ihnen soll in nächsten
Briefen die Rede sein.
Bis dahin sei herzlich
gegrüsst von Deinem
Xanders
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