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Xander's
sechzehnter Pilzbrief
Lieber Jörg,
Vielleicht
provoziere ich bei Dir ein Kopfschütteln, wenn ich ohne
mit einer Wimper zu zucken behaupte, dass es für einen
angehenden Pilzler in seinem zweiten Lehrjahr einen ganz bestimmten
Pilz gebe, den er unbedingt kennen müsse. Nein, es ist
nicht der Eierschwamm und auch nicht der Steinpilz. Auch nicht
die Speisemorchel und ebenso wenig der Frauentäubling
oder einer der vielen Champignons. Würde ich mich auf
eine dieser Arten oder auf irgend einen anderen exquisiten
Pilz festlegen, begännen die Gourmets und Köche
- sie verstehen ja auf ihrem Gebiet sehr viel mehr als ich
- sofort mit besten Argumenten und Gegenargumenten zu fechten.
Und da die Geschmäcker selbstverständlich verschieden
sind und es so auch bleiben, fände man sich doch nie
in Minne. Nein, der wichtigste Pilz ist kein Speisepilz oder
ein anderer sonst wie sehr häufiger Pilz sondern
der
Grüne Knollenblätterpilz - Amanita phalloides.
Der
Grund für diese Wahl ist sehr einfach: Jedes Jahr gibt
es tödliche Pilzvergiftungen, und in über 90% aller
Fälle lassen sie sich auf den Genuss des Grünen
Knollenblätterpilzes - oder eines seiner beiden Brüder
- zurückführen.
Ein
angehender Pilzler mag noch so viele Kenntnisse über
seine Lieblingspilze aneignen - den Grünen Knollenblätterpilz
muss er kennen. Und dazu noch sehr genau.
So genau, dass er auch einen halben oder noch kleineren Teil
eines Knollenblätterpilzes zu erkennen vermag. Auch dann,
wenn dieser gar nicht mehr hübsch aussieht. Ja, der Grüne
Knollenblätterpilz ist nämlich ein sehr schöner
Pilz. Hier kriegst du eine Beschreibung:
Der Grüne Knollenblätterpilz
ist ein verhältnismässig grosser Lamellenpilz unserer
Wälder. Je nach seinem Entwicklungsstand kann er verschieden
aussehen - vergleiche dazu die Abbildung.
Nicht ganz junge Pilze sind kugelig (Pilzei) und stecken in
einer weissen Gesamthülle (Velum universale). Wenn sie
wachsen, reisst die Hülle am Scheitel, und der Pilz schlüpft
hinaus.
Der
Hut ist zuerst fast kugelig, dann halbkugelig, später
wie ein Kissen gewölbt, darauf flach gewölbt und
beim alten Fruchtkörper sogar ausgebreitet. Bis 15 cm
kann sein Durchmesser betragen, aber auch viel schmächtigere
Exemplare kommen vor. Typischerweise ist er irgendwie olivegrün
oder zitronengrün, kann aber auch vorherrschend graubräunliche
Töne aufweisen. Oft ist die Mitte dunkler als der Rand.
Im Alter oder bei Regen blasst der Pilz häufig so stark
aus, dass er fast weiss ist. Bei trockenem Wetter weist der
Hut einen matten Seidenglanz auf, bei feuchtem ist er klebrig.
Von seiner Mitte aus verlaufen dunkle, feine und radiale Fasern
am Hutrand. Dieser ist glatt und scharf, nicht gerieft, zuweilen
aber etwas eingerissen. Die Huthaut ist abziehbar. Nur selten
bleiben Fetzen der zerrissenen Gesamthülle auf dem Hut
haften.
Die
Lamellen stehen ziemlich gedrängt, sind weich
und sowohl beim jungen als auch biem ausgewachsenen Pilz weiss.
Erst bei überständigen Exemplaren nehmen sie auch
leicht gelbgrünliche oder gräuliche Töne an.
Die Lamellen sind angeheftet bis frei, reichen also bis knapp
zum Stiel heran; sie sind aber nicht mit ihm verwachsen. Sie
sind bauchig und untermischt (wobei sowohl Lamellen als auch
Lamelletten gegen hinten allmählich schmaler werden).
Ihre Schneide ist glatt.
Der
Stiel ist etwa so lang wie der Hut breit ist, zentral
und leicht von ihm zu lösen (heterogen). Der Stiel ist
oben verjüngt bzw. gegen die Basis verdickt (bis gut
2 cm), also keulig. Unten weist er eine halbunterirdische,
nicht gerandete, runde Knolle auf, die einen Durchmesser von
bis 4 cm haben kann. Diese ist von den häutigen Resten
der kräftigen, aufgerissenen und jetzt grobgelappten
Gesamthülle wie von einem
weiten Sack umgeben. - Im oberen Teil ist der Stiel weisslich
und glatt, unter der Manschette leicht grünlich zickzackartig
genattert, zuweilen ist er auch fein schuppig. Junge Stiele
sind innen markig ausgefüllt, ältere jedoch wattig
ausgestopft oder hohl. Sie sind auch biegsam. Legt man einen
Fruchtkörper so hin, dass der Hut mit der Unterlage fast
einen rechten Winkel bildet, krümmt sich der Stiel innerhalb
einer Nacht so, dass der Hut parallel zur Unterlage zu liegen
kommt. Nur in dieser Stellung können nämlich die
Sporen senkrecht zum Boden herausfallen! Die
innere Hülle ist im obersten Drittel des Stiels
befestigt. Es ist ihre Aufgabe, die noch unentwickelten, jungen
Lamellen zu schützen. Wird der Hut grösser, reisst
die Hülle am Hutrand, und die Reste bleiben als Manschette
am Stiel zurück. Diese Manschette ist weisslich (selten
leicht grünlich), zart und feingerieft. Sie hängt
schlaff herab und ist manchmal etwas gefaltet. Leicht fällt
sie ganz vom Stiel weg, auch kann sie fast zur Unkenntlichkeit
eintrocknen. Eher selten kommt es vor, dass diese Hüllreste
nicht am Stiel sondern am Hutrand hängen bleiben und
der Stiel dann eben gar keine Manschette aufweist.
Das
Fleisch ist weich und ziemlich dünn. Es ist weiss,
gleich unter der Huthaut aber etwas gelbgrünlich. Ausgewachsene
Exemplare weisen einen unangenehmen süsslichen Geruch
auf. Der Geschmack ist keineswegs scharf, sondern vielmehr
mild und etwas nussartig. An dieser Stelle sei nochmals erinnert,
dass Anfängern abgeraten wird Giftpilze zu probieren.
Mykroskopische
Merkmale:
Die
Sporen sind farblos (Sporenpulver weiss), breitoval oder fast
rundlich; sie messen 8-11 x 6,5-8,5µ. Deutlich erkennt
man ein kleines Warzenförmiges "Anhängsel";
es ist dies der Apiculus, die
Ansatzstelle des Sterigmas. Im übrigen sind die Sporen
völlig glatt und ohne irgendwelche Ornamentation. Sie
sind leicht amyloid, lassen sich also etwas graublau anfärben
in einer Jodlösung. Die 2-10µ dünnen Tramahyphen
sind zylindrisch bis spindelig und weisen keine Schnallen
auf. An der Lamellenschneide findet man breit keulenförmige
Gebilde (etwa drei- bis viermal so lang wie die Sporen), die
man als Cheilocystiden bezeichnet.
Vorkommen:
Der
Grüne Knollenblätterpilz ist ein verhältnismässig
häufiger Pilz unserer Eichen- und Rotbuchenwälder,
kann aber auch in Nadelwäldern oder Parkanlagen vorkommen.
Vom Juli an findet man ihn bis zum Spätherbst. Offenbar
liebt er nährstoffreiche Böden. Sein Verbreitungsgebiet
umfasst fast ganz Europa, aber auch Nordamerika und Teile
von Asien. Und weil dem so ist, seien seine Namen auch in
einigen anderen Sprachen erwähnt:
| Französisch: |
amanite phalloïde |
| Italienisch: |
tignosa verdognola (grünlicher Wulstling) |
| Englisch: |
death cup (Todesbecher) |
Verwandte:
Der
grüne Knollenblätterplilz gehört zur Gattung
der Wulstlinge (Amanita). Seine nächsten Brüder
sind:
- der
Weisse- oder Frühings-Knollenblätterpilz (Amanita
verna)
- der
Spitzhütige- oder Kegelige-Knollenblätterpilz (Amanita
virosa)
Beide sind gleich
giftig wie der Grüne Knollenblätterpilz. Über
die Giftwirkung gibt es so viel zu sagen, dass dies das alleinige
Thema eines besonderen Pilzbriefes sein soll.
Wichtigsten
Merkmale:
Zum
Abschluss gebe ich Dir eine Zusammenstellung der wichtigsten
Merkmale, die jeder Pilzkenner auswendig wissen muss:
- Hut
meist irgendwie gelb- oder olivgrün aber auch graubräunlich
oder fast weiss;
- Lamellen
bleiben weiss und fast frei;
- Manschette
gerieft;
- Stiel
mit grünlichem Zickzackmuster:
- Knolle
am Grund in sackartiger Allgemeinhülle.
Das wär's für
heute. Dass es mir mit meinen Worten über den "wichtigsten
Pilz" sehr ernst ist, magst du auch daraus ersehen, dass
mein nächster Brief eine ganze Reihe von Testfragen enthalten
wird. Freuen würde es mich, wenn Du Dich darauf vorbereitest.
Bis
dahin sei herzlich gegrüsst von
Deinem Xander
| Abbildung 1:
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Abbildung 2: |
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Grüner Knollenblätterpilz |
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Amanita phalloides |
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Fotograph: Hans Mauch |
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© Verein für Pilzkunde
Bern |
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