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Xander's
fünfzehnter Pilzbrief
Lieber Jörg,
Natürlich
kennst Du das Tessinerlied:
L'inverno I'è
passato I'aprile non c'è piu,
e ritornato è
maggio aI canto dei cucù!
Der Winter ist
vergangen, auch April ist's nicht mehr,
und mit dem Gesang
des Kuckucks ist der Mai wiedergekommen.
Skifahren hin oder
her - jeweils im Frühjahr beginne ich wieder voll und
richtig zu leben. Bei mir gehören dazu die Rossköpfe
im Teich, das neue Buchenlaub und der Blumenteppich der Magerwiesen.
Und ganz sicher die Morcheln. Genauer gesagt: die Suche nach
ihnen. Denn ob ich welche finde, ist fast von zweitrangiger
Bedeutung. Nicht missen möchte ich aber das sorglose
Streifen durchs Holz und das Herumspähen im Laub des
Vorjahres und unter den Blättern, die sich eben entfaltet
haben. Bestimmt entdecke ich dabei immer etwas. Und wenn's
Morcheln sind, mischt sich zur Freude die Genugtuung, sie
entdeckt zu haben.
Das
wusste schon Plinius vor 2000 Jahren. Er kannte die Morcheln
und nannte sie «Schwämme». Südlich des
Gotthards heissen sie heute noch so (spugnole), während
in deutschen Landen vor einem halben Jahrtausend neben dem
Wort «Morillen» (französisch: morille) der
Ausdruck «Morchel» aufkam. Das gleiche Wort wurde
ursprünglich für Möhre, Mohrrübe («wildes
Gemüse») verwendet.
Nach
diesem sprachlichen Abschweifen musst Du jetzt einen nicht
eben leichten Brocken Pilztheorie zu bewältigen und auch
zu verdauen suchen: Die Morcheln sehen nicht nur ganz anders
aus als die Blätter- und Röhrenpilze, als die Porlinge,
Stäublinge und Ziegenbärte; sie sind auch in der
Art und Weise, wie sie Sporen erzeugen und sich vermehren,
völlig verschieden von all diesen Pilzen. So verschieden,
dass sie im Reich der Pilze zu einer ganz anderen «Klasse»
(mit vielen weiteren «Ordnungen» und Familien)
gehören.
Morcheln
sind Ascomyceten , zu deutsch Schlauchpilze
. Ihre sporenerzeugenden Organe heissen Asci
(Einzahl: Ascus) oder Schläuche ,
und diese übernehmen die gleiche Aufgabe, die die Basidien
bei den andern Pilzen haben. Im Gegensatz zu den Basidienpilzen
-Du erinnerst Dich wohl an meinen zehnten Pilzbrief -
entstehen und reifen die Sporen der Schlauchpilze aber
nicht ausserhalb (auf der Spitze der Basidien) sondern
innerhalb der Schläuche (Abb. 1 und 2). Meistens sind
die Schläuche lang und schmal und oben abgeschlossen;
unten weisen sie einen kleinen «Fuss» auf. Allerdings
kommen auch sackartige, fast runde Asci vor, wie zum Beispiel
bei den Trüffeln.
Die
Mehrzahl der Ascomyceten entwickelt Schläuche, die ihre
reifen Sporen durch eine runde oder schlitzartige Öffnung
an ihrem Scheitel entlassen bzw. hinausschleudern (Abb. 5).
Andere Schlauchpilze haben aber Asci, deren Spitzen mit einer
Art Deckelklappe mit Scharnier versehen sind (Abb. 4). Dieses
Deckelchen heisst «Operculum». Die Ascomyceten,
die Schläuche mit einem solchen Operculum haben, bezeichnet
man deshalb als operkulat; die Schlauchpilze
ohne Deckelchen als inoperkulat.
Normalerweise
enthält ein Schlauch 8 Sporen und hat deshalb eine gewisse
Ähnlichkeit mit der Schote einer Erbse. In selteneren
Fällen enthalten die Asci nur 2 oder 4, oder aber ein
Mehrfaches von 8, also 16, 32, 64 oder sogar noch sehr viel
mehr Sporen.
Zwischen
den Schläuchen finden sich meist sehr lange und dünne,
aber sterile Organe, die Paraphysen genannt
werden (Abb. 3). Dicht an dicht gedrängt stehen die Asci
und Paraphysen auf der Oberseite der Scheibenpilze
(Discomyceten). So heisst eine
Riesengruppe der Schlauchpilze, weil ihre Fruchtkörper
typisch erweise scheibenförmig, teller-, schüssel-
oder becherförmig ausgebildet sind. Eine einzelne «Scheibe»
wird dabei als Apothecium bezeichnet (Abb. 6).
Stell
Dir nun ein paar Dutzend solcher Schüsseln oder Scheiben
vor. Setze sie nahtlos gedrängt auf die Aussenseite eines
knollenförmigen Gebildes, und halte dieses mit einem
verhältnismässig dicken Stiel etwas in die Höhe:
Du hast so in Gedanken eine Morchel «geschaffen»,
ist diese doch nichts anderes als eine Gruppe von vereinigten
Apothecien mit gemeinsamem Stiel.
Die
Abbildungen 7 bis 12 zeigen Dir einige Morcheln. Gut erkenntlich
sind die vielen gruben- oder wabenförmigen Vertiefungen
(«Schüsselchen»), die man Alveolen
nennt. Wie gesagt sind sie vollständig mit
einer Fruchtschicht aus sporenbildenden Schläuchen ausgekleidet;
die Leisten, die sie von den Nachbaralveolen trennen sind
aber meist steril. Sowohl Hut als auch Stiel sind hohl (Abb. 8).
Schon
bald wirst Du bemerken, dass nicht alle Morcheln gleich aussehen.
Die Hüte der einen sind nämlich länglich und
mehr oder weniger spitzkegelig; man nennt sie Spitzmorcheln.
Eher rundliche Hüte weisen andere Morcheln auf, die zur
Gruppe der Speisemorcheln (Rundmorcheln) gehören. Dieser
Ausdruck ist insofern irreführend, als die Spitzmorcheln
genauso gut schmecken wie die Speisemorcheln. - Auf die Hutfarben
möchte ich nicht allzu sehr eingehen. Du wirst jedoch
feststellen, dass die Spitzmorcheln im allgemeinen etwas dunkelgraubraun
gefärbt sind, während bei den Speisemorcheln eher
helle, gelbbraune Töne vorherrschen. Beachte auch die
Rille zwischen Hutrand und Stiel der Spitzmorcheln (Abb. 9).
Hier beginnen die Längsrippen, die geradewegs bis zur
Spitze durchlaufen. Von Zeit zu Zeit sind sie durch Querrippen
verbunden. Die so in Reihen ausgerichteten Alveolen haben
demnach meist eine rechteckige Form. Im Gegensatz dazu vermagst
Du bei den Rippen der Speisemorcheln keinen geometrisch geordneten
Aufbau erkennen, weshalb ihre Alveolen unregelmässig
rundlich bis eckig sind. - Die rillenförmige Ausbuchtung
zwischen Hutrand und Stiel ist nicht immer gut auszumachen,
und es ist auch fraglich, ob sie tatsächlich jene Bedeutung
aufweist, die ihr gewisse Spezialisten zuschreiben. Diese
Bemerkung trifft indessen nicht auf die Käppchen-Morchel
zu, auch halbfreie Morchel oder Glockenmorchel genannt. Bei
ihnen ist die Rille sehr klar ausgeprägt. Der Hut sieht
fast wie eine Glocke aus, die so auf den Stiel aufgesetzt
ist, dass die untere Hälfte gänzlich frei ist. Der
Unterschied zu den «gewöhnlichen» Morcheln
ist so markant, dass man für die halbfreie Morchel eine
besondere Gattung aufgestellt hat, die Gattung Mitrophora.
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1.
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Sackartiger,
mehr oder weniger rundlicher Ascus (Schlauch), vier
Sporen enthaltend (Trüffel, Tuber rufum). Nach
Dennis.
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|
2.
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Länglicher
Ascus mit 8 Sporen.
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3.
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Zwei Paraphysen.
Sie stehen zwischen den Asci im Hymenium und sind sterile
Hyphenenden. |
4. |
Spitze eines
Ascus, bei dem sich eine Deckelklappe öffnet, damit
die Sporen austreten können. (Gruppe der operkulaten
Discomyceten). |
5. |
Spitze eines
Ascus mit einer schlitzartigen Öffnung, durch die
Sporen entweichen. Keine Deckelklappe. (Gruppe der inoperkulaten
Discomyceten). |
6. |
Stielloses
Apothecium eines Becherlings.
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7. |
Gestieltes Apothecium einer Morchel
mit wabenförmigen Alveolen.
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8. |
Längsschnitt
durch eine Morchel zeigt die Höhlung im Inneren.
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9. |
Rille
zwischen Hutrand und Stiel.
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10-12. |
Umrisse der
3 Hauptarten (bzw. der 3 Hauptgruppen) von Morcheln.
Die eine Hälfte des Fruchtkörpers ist jeweils
aufgeschnitten, um den Hohlraum im Inneren zu zeigen.
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10. |
(Gruppe um)
Speisemorchel, Morchella esculenta |
11. |
(Gruppe um)
Spitzmorchel, Morchella conica . |
12. |
(Gruppe um)
Halbfreie Morchel, Mitrophora semilibera .
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Am
Schlusse dieser Zeilen findest Du einen sehr stark vereinfachten
Schlüssel zu den Morcheln. Für den Anfang möge
er Dir genügen. Die Morcheln in weitere, hieb- und stichfeste
Arten aufzuteilen, ist nämlich eine recht schwierige
Angelegenheit. Vermutlich haben die Mykologen auch zu viele
Morchelarten und -Varietäten aufgestellt, was Dich trotzdem
nicht davon abschrecken darf, Dich ernsthaft mit der Gattung
Morchella zu befassen.
Einfacher
Schlüssel zu den Morcheln
1.
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Hut
länglich und oft konisch, mit bis zur Spitze
durchgehenden sterilen aber markanten Längsrippen;
Alveolen mehr oder weniger rechteckig und aneinandergereiht;
mit ziemlich ausgeprägter Rille zwi- schen Hutrand
und Stiel |
2
|
1
*. |
Hut
rundlich bis eiförmig, Rippen ein unregelmässiges
Netz bildend; Alveolen unregelmässig, selten
länglich, nicht in Reihen geordnet.
(Gruppe
der) Speisemorchel Morchella esculenta |
|
2.
|
Rille
zwischen Hutrand und Stiel wenig tief und oft auch
wenig ausgepräg.; Stiel eines ausgewachsenen
Fruchtkörpers kürzer oder nur wenig länger
als der Hut.
(Gruppe
der) Spitzmorchel Morchella conica . |
|
2*.
|
Rille
sehr tief; Hut halbfrei, kurz, konisch, einem viel
längeren Stiel aufsitzend.
(Gruppe
um) Halbfreie Morchel Mitrophora semilibera |
|
Im
übrigen sollst Du auch wissen, dass es gar nicht etwa
leicht ist, Morcheln zu finden. Zum einen ist da die - gerade
bei diesen Pilzen - sehr ausgeprägte Konkurrenz der reinen
Magenbotaniker. Zum andern helfen den Morcheln ihre recht
unauffälligen Farben, sich in ihrer Umgebung meisterhaft
zu verstecken. Die Suche nach ihnen bietet aber auf jeden
Fall Sport bester Art. Ihnen im Frühjahr nachzustellen,
lange vergeblich und sie dann plötzlich doch zu entdecken,
bedeutet sowohl reines Vergnügen als auch grosse Genugtuung,
was ich auch Dir von Herzen gönnen mag.
Zum
Schluss wünsche ich Dir eine gute Morcheljagd. Aber weidgerecht
muss sie sein! Zu junge und zu kleine Exemplare - sagen wir:
unter 6 cm - sollen stehengelassen werden. Nimm Dir auch weiterhin
die Mühe, Deine Beobachtungen aufzuzeichnen. Schon jetzt
sind sie wertvoll für Dich; sie werden Dir aber auch
später von grossem Nutzen sein.
Sei herzlich gegrüsst
von Deinem
Xander
|
Die Morchel
Wie hingezaubert steht sie dort,
wo eben nichts gestanden.
Und wendest du die Augen fort,
kommt sie dir gleich abhanden.
Der Glücksfall will, dass man sie sieht,
man kann sie nicht erzwingen -
und wer nicht gleich sein Messer zieht,
wird nichts nach Hause bringen.
Das weisse Bein, der Wabenhut -
wer will nicht hundert mähen?
Der Schritt erstarrt, es kocht das Blut
beim Anblick der Trophäen.
Wie bebt das Herz und auch die Hand,
vergessen sind die Mühen!
Kaum sichtbar steht der Lohn im Sand
und bei den Eschen, die noch blühen.
Die Morchel ist's - der Rumpelstilz!
So scheu wie zehn Jungfrauen
ist sie der allerfeinste Pilz,
sie wächst in lichten Auen.
Sie will erobert sein mit List
und nicht mit plumpem Flehen.
Der Morchler, der ein Waldfreund ist,
lässt immer eine stehen.
Und bist du erst in ihrem Bann,
wirst nie und nimmer kaufen.
Es sollen frische in die Pfann',
sonst muss man Haare raufen.
Nun schliessen wir dies Lobgedicht
und hoffen für die Morcheln,
sie bleiben rar als Leibgericht,
und niemand nehme Lorcheln!
RolfStuder, Schachenfeldstrasse 15, 9463 Oberriet SG (PV St. Gallen) |
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