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Xander's
vierzehnter Pilzbrief
Lieber Jörg,
nachdem
ich die letztesmal über Primordien und Rhizomorphen geschrieben
habe, sollst Du heute wie angekündigt einiges über
Sklerotien und Hexenringe
erfahren. Auch diese Erscheinungsformen gehören zum überaus
wichtigen Kapitel von
der Spore zum Pilzfruchtkörper.
Manche
Pilzarten bilden eine Art Dauermyzel aus, das lange Zeit im
Ruhezustand verharren kann, bis es unter günstigen Bedingungen
wieder zu wachsen beginnt. Es entsteht durch eine sehr dichte
Verflechtung der Myzelfäden -manchmal unter Einschluss
von Erdteilchen- zu einem kompakten Gebilde, das oft eine
derbe, dunkle, schlangenartige Umhüllung hat. Man nennt
diese Myzel-Dauerformen Sklerotien. Sie können
klein sein wie ein Stecknadelknopf, aber auch die Grösse
einer Nuss oder mehr erreichen. Mehr oder weniger bekannt
ist wohl das Mutterkorn, das sich in Getreideähren
-vorab des Roggens- entwickelt, sehr giftig ist und früher
zu epidemienartigen Erkrankungen geführt hat, wenn es
unerkannt mit den Getreidekörnern mitvermahlen wurde.
Das Mutterkorn ist das Sklerotium eines Pilzes (Claviceps
purpurea), der sich einer besonderen Überlebensstrategie
bedient. Im normalen Zyklus fällt das Mutterkorn im Herbst
auf den Boden, wo es überwintert. Im Frühjahr bildet
dieses Sklerotium dann Fruchtkörper aus, deren Sporen
die jungen Getreidepflanzen infizieren und dort zu neuen Sklerotien
heranwachsen.
Ein
besonders interessantes Sklerotium kann man beim so genannten
Klumpenporling (Polyporus tuberaster) finden. Es
handelt sich um ein bis kopfgrosses Gebilde, dass vom Myzel
unter Einschluss von Erde und Pflanzenteilen geformt wird.
Wenn man einen solchen Klumpen entdeckt, kann man ihn nach
Hause nehmen, in feuchte Erde einbetten und an einem warmen
Ort aufbewahren. Falls man Glück hat, entwickeln sich
daraus neue Fruchtkörper, die man sogar essen kann. Dieser
Klumpenporling war anscheinend schon in der Antike bekannt.
Jedenfalls wurde sein Sklerotium unter dem Namen «Pietra
fungaia» (Schwammstein) bereits vor Jahrhunderten in
Italien für eine Art Pilzzucht verwendet.
Zum
Schluss möchte ich noch eine Erscheinung erwähnen,
die oft einen verblüffenden Anblick bietet und ein Pilzlerherz
höher schlagen lässt. Gelegentlich kann man auf
eine Gruppe von Pilzfruchtkörpern stossen, die in einer
mehr oder weniger ringförmigen Anordnung gewachsen sind.
Es handelt sich um die so genannten Hexenringe.
Diesen Namen haben sie daher, weil man früher glaubte,
dass sie als Tanzplätze von Hexen dienten.
Tatsächlich
entstehen sie dadurch, dass bei gewissen Pilzarten das Myzel
von einem zentralen Punkt aus strahlenförmig nach aussen
wächst und die Fruchtkörper nur am jeweils äusseren
Ende gebildet werden. Hexenringe gibt es sowohl in Wäldern
wie auch im offen Gelände, in Grünflächen kann
man sie gelegentlich schon erkennen, wenn noch keine Fruchtkörper
vorhanden sind. Das Pilzmyzel beeinflusst durch seinen Stoffwechsel
nämlich den Pflanzenwuchs. Beiderseits der Ringzone erscheint
er deutlich verstärkt und oft intensiver grün als
sonst. Innerhalb des Ringes gibt es dann manchmal Zonen, in
denen die Vegetation mehr oder weniger verkümmert ist.
In der intensiv grünen Zone hat das Myzel düngende
Nährsalze in einer für Pflanzen idealen Menge angereichert.
Weiter gegen innen ist die Konzentration der Salze für
Pflanzen aber zu gross und vermag sogar deren Wurzeln zu verbrennen.
In
Wäldern sind die Hexenringe oft wenig ausgeprägt,
weil dort das Myzel teilweise durch Baumwurzeln usw. an der
weiteren Ausbreitung gehindert wird. Wenn man also in einem
Wald auf zwei oder drei anscheinend vereinzelte Gruppen von
ringbildenen Pilzen stösst, kann es sich lohnen den dadurch
angedeuteten Kreis abzusuchen. Man wird auf diese Weise manchmal
noch eine ganze Anzahl von weiteren Fruchtkörpern finden
können.
Hexenringe
zeigen im Prinzip jedes Jahr eine radiale Zuwachsrate von
10 oder mehr Zentimetern, sofern es das Gelände erlaubt.
In Steppen- und Prairiegebieten können sie einen Durchmesser
von mehreren hundert Metern erreichen.
Aus
diesen Gegebenheiten lässt sich auch das ungefähr
Alter eines solchen Hexenrings bzw. seines Myzels berechnen.
Man ist dabei schon zu erstaunlichen Zahlen gekommen, nach
denen grosse Hexenringe einige hundert Jahre alt sein könnten.
Das
genügt für heute. Die Myzelien werden uns allerdings
auch später wieder beschäftigen. Auf alle Fälle
muss ich noch zwei grundlegende Aufgaben zu sprechen kommen,
die sie im ökologischen Gleichgewicht der Natur spielen:
Die Pilze sind nämlich die stärksten Abbauer von
totem organischem Material. Und zum andern bilden viele Myzelien
mit höheren Pflanzen eine Art Lebensgemeinschaft, von
der beide Partner profitieren: die Mykorrhiza. Aber dies werden
Themen späterer Briefe sein.
In
der Zwischenzeit sei herzlich gegrüsst von Deinem
Xander
Zum 15. Brief
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