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Xander's
dreizehnter Pilzbrief
Lieber Jörg,
gewiss bist du auch
schon jenem Pilzfreund begegnet, der Dir von seinen Pilzfunden
nur so vorgeschwärmt hat. Er ist - fast immer - ein reiner
Amateur und einer, den etliche ganz große Könner
oftmals mit leicht herablassendem Ton (der allerdings auch
etwa eine Prise Neid verbirgt) als Magenbotaniker bezeichnet.
Aber eben, Dein Pilzfreund hat jenen sicheren Jägerinstinkt,
der ihn das finden lässt, was er sucht: Pilze. Und darum
erzählt er Dir: «Kam ich doch gestern morgen bei
meinem Tannenwäldchen dort in der Nähe der Holzhütte
vorbei. Weisst, dort, wo ich letztes Jahr um diese Zeit 15
solche Steinpilze gefunden habe. Aber nichts, rein gar nichts.
Das war gestern. Rate einmal, wo ich heute Abend war! Am selben
Ort. Meine Nase lässt mich nicht im Stich. Und heute
waren sie da! Ein rundes Dutzend. Frisch, fest, geschlossen,
das Futter noch ganz weiß. Morgen Mittag gibt es Steinpilze.
Nach meinem Spezialrezept.» Pilzlatein oder Wahrheit?
Kann es treffen, dass in nicht mehr als 24 Stunden irgend
eine gute Fee ihren Zauber hat wirken lassen?
So
einfach ist es natürlich nicht. Wenn gleich ich den Fund
Deines Pilzjägers keineswegs in Abrede stellen möchte.
- In meinem letzten Brief sprach ich auch vom sehr verborgenen
Leben und Wachsen des Myzels. Aus ihm entstehen natürlich
die Fruchtkörper, die nur deshalb gebildet werden müssen
um die Art fortzupflanzen, - damit fahre ich weiter und erzähle
Dir heute einiges über Primordien und
Rhizomorphen.
Nehmen
wir einmal an, die inneren Bedingungen des Bodens oder des
Substrates erweisen sich als günstig für den Pilz,
was Feuchtigkeit, Temperatur und Nahrungsquellen anbelangt.
Das Myzel ist stark und dicht geworden und bildet jetzt nur
wenig unter der Erdoberfläche kleine Kügelchen.
Sie sind sehr hart, und man nennt sie Primordien. Ein einzelnes
Primordium ist höchstens wenige Millimeter
groß, und es stellt die Anlage (den Embryo) des werdenden
Fruchtkörpers dar. Wenn eine Pilzart die Stadien des
Primär-und Sekundärmyzels durchläuft, ist es
allein das Sekundärmyzel, das Primordien entstehen lassen
kann. Allerdings kommen auch Pilzarten vor, die kein Sekundärmyzel
und darum auch keine Schnallenbildung kennen. In diesem Fall
verdichtet sich eben das Primärmyzel zu Primordien.
Das
Primordium bleibt mit dem Myzel eng verbunden und bezieht
daraus -gewissermaßen auf Abruf - nicht nur sehr viel
Wasser, sondern auch die gesamte Masse des zu entstehenden
Fruchtkörpers. Die hauchdünnen Fäden des Myzels
haben nämlich eine gewaltige Leistung vollbracht, indem
sie durch ihre Oberfläche dem Boden bzw. dem Substrat
beständig Nährstoffe entnommen und diese verarbeitet,
eingelagert und transportiert haben. Das Primordium ist darum
in der Lage, sehr rasch zu wachsen und dank einer genetischen
Steuerung, die auch für uns Menschen des 21. Jahrhunderts
voller Rätsel ist, jene Teile differenziert auszubilden,
die einmal Stiel oder Hut, Huthaut oder Lamellen sein müssen.
Die Primordien können sich aber für längere
Zeit in einem Ruhestand befinden, um die für ihr Wachstum
günstigen Bedingungen abzuwarten. Vielleicht kennst Du
den Violetten Rötelritterling, auch Nackter Ritterling
(Lepista nuda) genannt. Typischerweise erscheint er im Spätherbst.
Es kommt aber recht häufig vor, dass man auch im Frühling
hübsche Exemplare dieser Art findet. Wahrscheinlich haben
die Primordien im Herbst wegen des gefallenen Schnees oder
eines Kälteeinbruches ihr Wachstum unterbrochen. Sie
haben irgendwie im Schutz der sie umgebenen Erde «geschlafen».
Wie die Murmeltiere «erwachen» sie nach der Schneeschmelze.
Und da sie eben mit dem Myzel wie mit einer Nabelschnur verbunden
sind, bekommen sie von dort sogleich all das, was sie zur
Weiterentwicklung benötigen. - Der am Anfang meines Briefes
erwähnte Pilzfreund dürfte ja kaum wissen, dass
dort, wo er seine Wunderernte einheimste, wohl schon vor Monaten
sich viele Primordien entwickelt hatten, die nur auf den für
sie günstigen Augenblick warteten, zu regelrechten Pilzkörpern
zu «explodieren».
Nur wenn dies äusseren
Bedingungen (z. B. Luftfeuchtigkeit und Temperatur) günstig
sind, treten die Fruchtkörper aus dem Boden oder erscheinen
auf ihrem Baumstrunk. Sowohl die inneren als auch die äußeren
Bedingungen sind also für die Fruchtkörperproduktion
unabdingbar. Sind die inneren Bedingungen schlecht, entwickelt
das Myzel keine Primordien und deshalb können keine Fruchtkörper
entstehen. Lassen aber die äußeren Bedingungen
zu wünschen übrig, bleibt die Weiterentwicklung
der Primordien aus, und es bilden sich ebenfalls keine Fruchtkörper.
Wie
plötzlich die Fruchtkörper erscheinen, ist von Art
zu Art verschieden. Es mag zutreffen, dass der Riesenbovist
(Langermannia gigantea) sein Volumen in einer einzigen
Nacht um das fünf- oder gar das zehnfache vergrößern
kann, und dasselbe trifft wahrscheinlich auch für jungen
Steinpilze zu, sofern die äußeren Bedingungen optimal
sind. Andererseits kennt man viele Arten, deren Wachstum bedeutend
langsamer ist. Es wird auch behauptet - die wissenschaftliche
Bestätigung fehlt jedoch, - dass sich die Fruchtkörper
bei wachsendem Mond besser entwickeln als bei abnehmendem.
Zugeben müssen auch die Skeptiker, dass die Gesamtheit
der Faktoren, die Einfluss auf das Wachstum der Fruchtkörper
haben - seien sie nun positiv oder negativ - noch sehr wenig
erforscht sind. -Eines weiß man allerdings seit langem:
der Wind, und insbesondere der allesaustrocknende Föhn,
wirkt sich sehr nachteilig auf die Pilzflora aus.
Verschiedene Pilzarten
erhöhen ihre Widerstandskraft durch besondere Ausbildungsformen
ihres Myzels. So können sich zum Beispiel Hyphen zu gebündelten
Strängen zusammenfinden, in denen bereits eine Arbeitsteilung
stattfindet. Diese im Aufbau kabelartigen Stränge enthalten
im Innern helle, normale Hyphen, die der Weiterleitung der
Nährstoffe dienen. Darum herum befindet sich eine derbere
Schutzschicht aus engeren, oft dunkler gefärbten Hyphen.
Solche Myzelformen heißen Rhizomorphen («Wurzelförmige»),
da sie äußerlich viel Ähnlichkeit mit Wurzeln
von Samenpflanzen haben.
Besonders
auffällige Rhizomorphen bildet der bekannte Hallimasch.
Diese schwarzbraunen, oft verzweigten Stränge kriechen
manchmal meterlang von Baum zu Baum. Dies erklärt auch,
warum dieser an und für sich auf Holz angewiesene Pilz
oft scheinbar auf dem Erdboden wächst, wo er seine Nahrung
so quasi durch eine Pipeline bezieht.
Nächstesmal solltest
du etwas von Sklerotien und Hexenringen hören. Bis dahin
sei gegrüßt von Deinem
Xander
Zum 14. Brief
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