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Xanders
zwölfter Brief
Lieber Jörg
Du
weißt, wie ich in den Herbst vernarrt bin: angenehmstes
Wetter, eine Malerpalette von einem Wald und reichste Pilzflora.
Trotzdem: ein paar Herbststürme, und die ganze Herrlichkeit
ist dahin. Die nächtlichen Temperaturen fallen, die Wintermäntel
werden entmottet, und bald liegen Schnee und Matsch zuhauf.
Und die Pilze? Verschwunden! Das genaue Gegenteil - der trockene
Sommer - behagt ihnen aber ebensowenig. Und wenn sie schon
da sind, genügen einige Föhntage sie aus Wiesen
und sogar aus Wäldern zu treiben. Wen wundert's, dass
es noch keine 200 Jahre her sind, seit die Volksmeinung ihr
plötzliches Erscheinen den Hexen und Dämonen zuschrieb?
Seither hat natürlich eine wissenschaftliche Beobachtung
die Nichtigkeit solchen Glaubens aufgezeigt. - Es stimmt zwar,
auch ich habe in meinem ersten Pilzbrief nur gerade von sichtbaren
Teilen der Pilze gesprochen. Aber dann kam ich eben doch auf
den inneren Aufbau der Fruchtkörper, auf Hyphen und Basidien
zu reden, auf Dinge, die man nur mit der Optik eines Mikroskops
zu sehen vermag. Vor allem auf die Sporen. Wenn sie reif sind,
fallen sie ja weg- oder sie werden gar weggeschleudert. Man
hat dies gemessen. Macht dir eine Wurfdistanz von 0,1 mm Eindruck?
Du tust wohl daran, mit einer schnellen Antwort zu zögern.
Dieser Zehntelmillimeter ist nämlich etwa das Zwanzigfache
der Länge einer Spore. Also eine recht respektable Leistung.
Damit sind die Sporen aber nicht nur aus den Lamellen hinausgefallen,
sondern auch in eine Luftströmung hineingeraten, wie
sie eben auch bei absoluter Windstille herrscht. Diese trägt
die Sporen fort, um sie irgendwo wieder landen zu lassen.
Was weiter mit ihnen geschieht, erzähle ich Dir jetzt
unter dem Titel Von der Spore zum Pilzfruchtkörper
(I).
Zunächst
eine Klarstellung: Wo es um die wichtigsten Dinge geht - und
der Weiterbestand des Lebens gehört natürlich dazu
- kennt die Natur das Wort "Sparsamkeit " nicht.
Im Gegenteil, ihre Bereitschaft zur Verschwendung ist hier
fast grenzenlos. Um die Eizelle eines Säugers zu befruchten,
genügt eine einzige männliche Keimzelle - das Männchen
produziert aber Millionen von ihnen. Von den Pollenkörpern
der Buchen und Rottannen werden es Milliarden sein. Natürlich
gehen fast alle zugrunde, ohne ihren eigentlichen Zweck erfüllt
zu haben. Genau gleich ist es bei den Pilzsporen. Selbstverständlich
müssen die allermeisten zugrunde gehen. Stell
Dir vor, aus jeder Spore entstünde ein Pilzkörper!
Innert kurzem wäre die ganze Erde mit Pilzen nicht nur
überschwemmt, sondern buchstäblich vollgestopft.
Und da sich diese von anderen Lebewesen ernähren, wären
ihre Nahrungsquellen nach wenigen Jahren völlig erschöpft,
so dass die Pilze elendiglich zugrunde gingen und vom Erdboden
verschwänden.
Die
Natur ist aber weise, und eine solche Untergangsperspektive
hat nicht die geringste Chance, jemals Realität zu werden.
Die Sporen, die das Glück dazu haben - und nur sie -
kommen zum Keimen. In der Erde, auf dem Überbleibsel
eines Ahornblattes vom letzten Jahr oder auf einem längst
schon toten und jetzt faulenden Ast.
Dabei
bildet sich an dem Apiculus gegenüberliegenden Pol (dem
Keimporus) ein Keimschlauch (Abbildungen
1a und 1b). Dieser wächst - er tut dies nur an seiner
Spitze - und heisst von jetzt an Hyphe (1c).
Wie die Spore, aus der sie entstanden ist, hat die Hyphe einen
Zellkern. Wenn sie aber stark gewachsen ist, teil sich der
Zellkern (1d), eine Trennwand bildet sich (1e): jetzt haben
wir schon zwei Hyphen, der gleich Vorgang wiederholt sich
oftmals, und mit der Zeit bildet sich ein Myzelgeflecht (1f,
g, h), das recht lang wird, aber immer den gleichen Durchmesser
von wenigen Mikrometern behält. Es kriecht zwischen den
feinen Körnchen der Erde hindurch oder dringt in die
Zellen des abgestorbenen Holzes hinein. Wahrscheinlich haben
in der Nähe einige andere Sporen der gleichen Art gekeimt;
all diese Hyphen bilden zusammen das Primärmyzel
(Einkernmyzel) einer bestimmten Art.
Auch
wenn die Hyphen dieses Primärmyzels normalerweise nur
an ihrer Spitze wachsen, bilden sich doch nicht selten an
der endständigen Hyphe seitliche "Knospen"
(2a), die zu eigentlichen Verzweigungen auswachsen (2b). Das
Myzel so hält so seine charakteristische baumförmige
Gestalt, wobei die "Äste" mehr oder weniger
rechtwinklig auf der Hyphe stehen, aus der sie gesprosst sind
(2c und d) . Leicht ist, sich vorzustellen, was für ein
fast unentwirrbares Myzelgewebe sich mit der Zeit im Boden
oder im Totholz bildet. Besonders dann, wenn man sich noch
vergegenwärtigt, dass meistens viele verschiedene Arten
ihre Myzelien im gleichen Substrat entwickeln.
Du
weißt, dass eine Basidie normalerweise am Anfang ihrer
Entwicklung zwei Zellkerne aufweist. Irgendwann müssen
also aus einkernigen Hyphen zweikernige entsehen. - Stell
Dir zwei Hyphen eines Primärmyzels vor (natürlich
der gleichen Art, aber aus verschiedenen Sporen entstanden),
die sich zufälligerweise in ihrem Substrat so treffen,
dass sich ihrer Wände auch berühren. Genau an der
Berührungsstelle (3 a, b) werden sich die Hyphenwände
auflösen, so dass eine einzige Zelle mit zwei Zellkernen
entsteht (3 c). Dieses Phänomen wird als Plasmogamie
(Plasmaverschmelzung) bezeichnet. Das Eigenartige
besteht darin, dass sich bei dieser Vereinigung zweier Hyphen
nur die Zellinhalte, nicht aber die Zellkerne vereinigen.
Diese
neue Zelle ist Ausgangspunkt eines vom Primärmyzel verschiedenen
Myzels. Auch das Sekundärmyzel - so
wird es genannt - wächst nur an den Hyphenenden. Ist
eine Endhyphe gross genug, wird sie sich teilen. Selbstverständlich
müssen sich - unabhängig von einander - auch die
beiden Zellkerne teilen (Mitose). Dabei bleibt
je ein neuer Kern in der alten Zelle, und die anderen beiden
wandern in die neue Endhyphe. Offensichtlich ist dies ein
etwas heikles Unterfangen in dem die Hyphe in einen recht
labilen Zustand gerät. Man könnte auch meinen, die
Hyphe wäre ein bisschen zu eng, als dass die neuen Zellkerne
schadlos aneinander vorbeischlüpfen können. Die
Natur hat sich deshalb etwas sehr Eigenartiges einfallen lassen,
um diesen Vorgang zu steuern: die Schnallenbildung.
Meine Abbildungen A I und II zeigen Dir
zwei häufige Erscheinungsformen dieses Vorganges:
I.
Die Endhyphe verlängert sich (I b). Darauf bildet die
Hyphenwand eine Ausstülpung (I c), und einer der beiden
Kerne wandert dorthin. Während die Ausstülpung hakenförmig
nach hinten gebogen wird, findet die Kernteilung statt (I
d). Ein (neuer) Kern geht gegen die Spitze des Hakens (das
ist der Anfang der "Schnalle"), ein anderer bleibt
mehr oder weniger an Ort, und die beiden übrigen wandern
gegen die Hyphenspitze (I e); die Schnallenspitze verbindet
sich mit der Hyphe, in die der "Aussenseitenkern"
hineinschlüpft (I f); gleichzeitig entstehen Trennwände
sowohl in der Hyphe als auch in der Schnalle: dabei haben
sich jetzt zwei Hyphen gebildet, und jede weist zwei Kerne
auf. Neben ihrer Verbindungsstelle ist noch die - jetzt nicht
mehr benütze - Schnalle zu sehen.
II. Die zweite Erscheinungsform
unterscheidet sich von der ersten lediglich durch eine Kleinigkeit:
Die Kernteilung findet erst statt, nachdem sich die Schnalle
schon gebildet hat.
Im
Grunde genommen stellen die Schnallen eine
Art "Wunde" dar, die geschlagen werden musste, damit
sich eine Kernteilung problemlos abwickeln kann. Findet man
sie zwischen zwei Hyphen - unter dem Mikroskop lassen sie
sich meistens leicht beobachten - geben sie Zeugnis davon,
dass sich im Substrat ein sekundäres Myzel (ein Paarkernmyzel)
gebildet hat. Humusreiche Erde enthält Myzelien verschiedenster
Arten und mengenmässig sehr viel mehr als Du wohl schätzen
würdest. Man hat berechnet, dass sich unter einem einzigen
Quadratmeter solch guten Erdbodens im Mittel 4kg Myzel finden.
Die aneinandergereihten Hyphen ergäben einen Faden von
400'000 km Länge, was der Entfernung Erde - Mond entspricht.
Die Hyphenwände haben dabei eine Oberfläche von
ungefähr einer Hektare, also der Grösse eines Fussballfeldes.
Du siehst, ich bin
immer noch nicht beim Pilzfruchtkörper angelangt, wie
ich es im Titel versprochen habe. Dies muss den auch dem nächsten
Brief vorbehalten bleiben. Vielleicht lässt Du Dir bis
dahin die verborgenen Wunder des Erdbodens noch ein bisschen
durch den Kopf gehen.
Freundlich grüsst
Dein
Xander
Aus
einer Spore bildet sich das Primärmyzel (Einkernmyzel)
Abbildung
1
a
Spore.
b
Bildung eines Keimschlauches.
c
Der Keimschlauch wächst und heisst jetz Hyphe.
d
Die Hyphe wächst und der Zellkern teilt sich.
e
Bildung einer Trennwand, wir haben zwei Hyphen.
f,
g, h Der Vorgang wiederholt sich und
es entsteht ein Myzelgeflecht (das Primärmyzel).
Abbildung
2
a
An den Hyphen bilden sich seitlich "Knospen".
b
Diese wachsen zu Verzweigungen.
c,
d Die "Äste" stehen mehr oder
weniger rechtwinklig auf der Hyphe aus der sie gesprossen
sind.
Plasmaverschmelzung
(Plasmogamie) zweier Hyphen von Primärmyzelien
Abbildung
3
a , b Genau an der Berührungsstelle lösen
sich die Hyphenwände auf.
c
Es entsteht eine einzige Zelle mit zwei Zellkernen.
Entwicklung
des Sekundärmyzels (Paarkernmyzel) und Schnallenbildung
Abbildung
4 I
Die Endhyphe
verlängert sich (b). Die Hyphenwand
bildet eine Ausstülpung (c) und
einer der beiden Kerne wandert dorthin. Während
die Ausstülpung hakenförmig nach hinten gebogen
wird, findet die Kernteilung statt (d).
Ein (neuer) Kern geht gegen die Spitze des Hakens, ein
anderer bleibt mehr oder weniger an Ort. Die beiden
übrigen wandern gegen die Hyphenspitze (e).
Die Schnallenspitze verbindet sich mit der Hyphe, in
die der "Aussenseitenkern" hineinschlüpft
(f); gleichzeitig entstehen Trennwände
sowohl in der Hyphe als auch in der Schnalle. Dabei
haben sich jetzt zwei Hyphen gebildet, und jede weist
zwei Kerne auf. Neben ihrer Verbindungsstelle ist noch
die - jetzt nicht mehr benütze - Schnalle zu sehen.
Abbildung
4 II
Die zweite
Erscheinungsform unterscheidet sich von der ersten lediglich
durch eine Kleinigkeit: Die Kernteilung findet erst
statt, nachdem sich die Schnalle schon gebildet hat
(e, f).
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