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Xanders
elfter Brief
Unser heutiges Thema
heisst Die Sporen der Blätterpilze und der Röhrlinge.
Angekündigt hatte ich es ja schon letztes Mal.
Im Grunde genommen
sind die Sporen für die Pilze genau das gleiche wie die
Samen für die Blütenpflanzen. Allerdings gibt es
dabei trotzdem wichtige Unterschiede: Das Samenkorn entsteht
aus der Vereinigung zweier Zellen, wobei die eine männlich
(das in den Staubblättern gebildete Pollenkorn), die
andere aber weiblich ist (die Eizelle in der Samenanlage des
Fruchtknotens). Bei den Pilzen gibt es zwar auch eine Vereinigung;
hier handelt es sich aber um die Verschmelzung zweier Kerne
im Innern einer einzigen Zelle, der Basidie. Im übrigen
gibt es auch Pilzarten, die sich ohne eine Befruchtung vermehren
(Parthenogenesis, Jungfernzeugung). Die Sporen sind auch sehr
viel kleiner als die Samen der Blütenpflanzen und enthalten
im Gegensatz zu ihnen keinen Keimling. Wenn Du eine Mandel
oder eine Bohne aufknackst, findest Du nämlich zwischen
den beiden Keimblättern einen winzigen Keimling, an dem
man schon Würzelchen, den Stengel und die (Blatt-) Knospe
erkennen kann. In einer Spore siehst Du aber auch unter dem
stärksten Mikroskop nichts, was man als werdenden Hut,
Stiel oder als Lamellen ausmachen könnte.
Will man verschiedene
Gattungen oder Arten von Pilzen untersuchen und unterscheiden,
stellt die Sporenuntersuchung einen sehr wichtigen Teil dar.
Allerdings sollte man mit reifen Sporen arbeiten und die erhält
man - ein wichtiger Punkt - aus dem Sporenstaub eines Pilzes.
Wie man den gewinnt, stand in meinem achten Brief. - Sie Sporenuntersuchung
erstreckt sich dabei auf die Sporenform, die Sporenornamentation,
die Reaktion mit verschiedenen chemischen Substanzen und auf
die Sporengrösse.
Sporenformen
Die
Abbildung 1 zeigt Dir zehn wichtige Formen, die Sporen
aufweisen können: rund, elliptisch (es kann auch breit
oder schmalelliptisch sein), spindelförmig, zylindrisch,
wurtsförmig (allantoid), mandelförmig, eckig, seitlich
gespornt, höckerig, sternförmig. Weitere, aber nicht
abgebildete Möglichkeiten sind tränenförmig,
eiförmig, birnenförmig, nierenförmig, bohnenförmig
und zitronenförmig.
Wenn Du die Sporenform
feststellst, solltest Du bei dieser Gelegenheit auch darauf
achten, ob der Apiculus , d.h. die Ansatzstelle
des Sterigmas, sichtbar ist und wo sich diese befindet. Normalerweise
liegt sie auf der "inneren" (oder "ventralen")
Seite, d.h. auf der Seite, die gegen die Längsachse der
Basidie geneigt ist. Bei einigen Gattungen bemerkst Du auf
der dem Apiculus diamentral gegenüberliegenden Stelle
einen etwas helleren Fleck. Es sieht fast so aus, wie wenn
dort die Sporenwand unterbrochen wäre. Dabei handelt
es sich um den Keimporus , d.h. um die Stelle,
wo der Keimschlauch durch die Sporenwand brechen wird.
Sporenornamentation
Abbildung
2 zeigt Dir einige Möglichkeiten, wie die Sporenwand
bekleidet sein kann; glatt (ohne jegliche Ornamentation);
gerippt (von Pol zu Pol); warzig (entweder feinwarzig, was
man auch als punktiert bezeichnet, oder grobwarzig, d.h. mit
mehr oder weniger hohen, aber nicht spitzen Warzen); stachelig;
gratig verbunden (die Stacheln sind zum Teil untereinander
verbunden); netzig verbunden (fast alle Stacheln sind zu einem
Netz verbunden); geflügelt (die Geräte zwischen
den Stacheln sind besonders hoch); morgensternartig.
Die Sporen gewisser
Gattungen und Familien weisen Querwände auf, viele enthalten
auch mindestens in gewissen Stadien ihrer Entwicklung einen
oder mehrere gut sichtbare Tropfen im Protoplasma.
Reaktion
mit chemischen Substanzen
Wenn Du Dir Sporen
unter dem Mikroskop anschaust, stellst Du fest, dass viele
glasklar sind, also farblos erscheinen; man sagt, sie seien
hyalin . Andere sind mehr oder weniger gefärbt.
Dabei sind die einzelnen Sporen aus einem rostbraunen Sporenstaubhäufchen
vielleicht hellbraun oder gelblich. Im übrigen findet
man auch absolut undurchsichtige Sporen.
Die Ornamentation
kann oftmals hervorgehoben und deutlicher sichtbar gemacht
werden, wenn man gewisse chemische Substanzen verwendet. Das
ist einer der Gründe, warum Mykologen auf ihrem Arbeitstisch
oft eine Batterie kleiner, etikettierter Fläschchen stehen
haben. Hier soll lediglich von zwei solcher Reagentien die
Rede sein:
Melzer-Reagens
ist ein Jod-Jodkaligemisch, das zum Beispiel die
Stacheln und Gräte der Täublings- und Milchlingssporen
schwärzlich anfärbt und so gut sichtbar macht. Im
weiteren erlaubt das Melzer-Reagens, die sehr zahlreichen
weissporigen Pilze in zwei Gruppen zu unterteilen: werden
die Sporen in "Melzer" grau oder bläulich,
bezeichnet man sie als amyloid ; wenn nicht
sind sie inamyloid . In einigen Fällen
werden die Sporen (d.h. eigentlich deren Sporenwände)
braun, sie sind dextrinoid . In neueren Büchern
findest Du etwa die Angabe "J+" für amyloid
und "J-" für inamyloid.
Baumwollblau
ist ein weiteres Reagens, das allerdings nicht ganz so leicht
anzuwenden ist wie "Melzer". Wenn die Sporenwände
darin blau werden, bezeichnet man die Sporen als cyanophil
.
Sporengrösse
und Sporen messen
Auch die reifen Sporen,
die Du einem Häufchen Sporenstaub entnimmst, haben nie
genau die gleiche Grösse. Eigentlich sollte ich "Grössen"
sagen; denn nur gerade die runden (eigentlich kugeligen) Sporen
haben ein einziges Ausmass: Ihren Durchmesser. Für sie
findest du in den Büchern z.B. die Grössenangabe
8,5 - 10 µm. Das bedeutet, dass die kleinsten (der reifen)
Sporen 8,5 µm messen und die grössten 10 µm.
Etwas komplizierter ist eine Grössenangabe wie (7) -
8,5 - 10 - (11) µm. Die Zahlen in Klammern beziehen
sich dabei auf eigentliche Ausnahmefälle.
Für die nicht
kugeligen Sporen geben die Bestimmungsbücher im allgemeinen
zwei Dimensionen an. Man muss sich dabei vorstellen, jede
Spore würde von einem Rechteck umgeben. Dessen lange
Seite entspricht dabei der grösstmöglichen Ausdehnung
der Spore und dessen kurze Seite der Sporenbreite, wenn ihr
Apiculus entweder rechts oder links (also nicht in der Mitte)
erscheint. Vergleiche dazu Abbildung 3.
Bei den Grössenangaben geht man dabei gleich vor wie
bei den runden Sporen. Eine Angabe wie 6-8 x 4,5-6 µm
oder aber eine wie (10,5)-2-14-(15) x (4)-5-5,5-(6) µm
wirst Du darum leicht verstehen. Noch eine wichtige Bemerkung:
Wenn Du selbst eine Spore misst, musst Du sie ohne allfällige
Stacheln oder sonstige Ornamentation und ohne den Apiculus
messen.
Wie ich am Anfang
dieses Briefes erwähnte, haben die Sporen die gleiche
Aufgabe wie irgendwelche Samenkörner: Sie gewährleisten
die Fortpflanzung, also die Erhaltung der Art. Wie dies geschieht,
soll Dir der nächste Brief erzählen. Bis dahin rate
ich Dir an, mit dem Mikroskop Eures Vereins - Du bist inzwischen
ja Mitglied geworden - das Sporenmessen zu üben. Benütze
dabei Deine Sporenstaubsammlung, und vergleiche Deine Ergebnisse
mit den Angaben in den verschiedenen Büchern. Versuche
auch herauszufinden, ob die weissen Sporen, die Du hast, amyloid
sind oder nicht. Dabei wünsche ich Dir viel Glück
und noch mehr Vergnügen.
Dein
Xander
Die
Sporen
Abbildung
1 - Sporenformen
A: kugelig,
rund;
B: elliptisch;
C: spindelförmig;
D: zylindrisch;
E: wurstförmig,
allantoid;
F: mandelförmig
(a ist die innere, ventrale und b die dorsale Seite
der Spore);
G: eckig;
H: seitlich
gespornt;
K: höckerig;
L: sternförmig.
Abbildung
2 - Sporenornamentation
A: glatt;
B: feinwarzig,
punktiert;
C:warzig;
D: stachelig;
E: Stacheln
gratig verbunden;
F: morgensternartig;
G: geflügelt;
H: netzig;
K: längsgerippt
(bei p ist der Keimporus);
L: mit einem
Tropfen (uniguttulat);
M: septiert
(mit zwei Querwänden);
N: mit vielen
Tropfen (pluriguttulat).
Abbildung
3: Sporen messen.
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