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Xanders
neunter Pilzbrief
Lieber Jörg
Zwischen den Zeilen
hast Du in meinem letzten Brief lesen können, dass es
bei den Pilzen nicht so sehr auf ihre äussere Erscheinung
ankommt, sondern viel eher auf ihre Feinstruktur, also auf
verborgene und kleine Dinge. Es ist darum nötig, dass
Du jetzt etwas
vom inneren Aufbau
eines Pilzfruchtkörpers erfährst.
Natürlich weisst
Du, dass Zellen die Grundeinheiten von Pflanzen und Tieren
sind, auch von uns Menschen. Unser Körper ist aus fast
100 000 000 000 000
(hundert Billionen) Zellen aufgebaut. Diese Bausteine mögen
in einem Biologiebuch vielleicht recht einfach aussehen; sie
sind im Grunde genommen aber hoch komplizierte Gebilde, die
über einen eigenen Energie- und Stoffwechsel verfügen.
Normalerweise sind sie von einer Zellwand umgeben und enthalten
einen Zellkern, Protoplasma und viele weitere Elemente.
Ein Pilzfruchtkörper
ist ebenfalls aus vielen Grundbausteinen aufgebaut; man bezeichnet
sie als Hyphen (Hyphe ist das griechische
Wort für "Faden"). Die Hyphen enthalten einen
Zellkern (vielleicht aber auch mehrere), weiteren Zellinhalt
und sie sind von einer Wand umgeben. Formmässig sind
sie aber von den meisten Pflanzenzellen sehr verschieden:
Eine Hyphe sieht nicht wie ein Minibackstein oder eine etwas
zusammengedrückte Kugel, sondern viel eher wie ein gekochtes
Spaghetti aus.
Hyphen sind so klein, dass man sie
weder von blossem Auge noch mit einer Lupe erkennen kann.
Dazu braucht man das Mikroskop und auch noch eine neue Masseinheit,
den Tausendstelmillimeter (=Mikrometer), abgekürzt µm.
Eine Hyphe ist vielleicht 5 µm
dick, kann aber 200 µm oder noch viel länger sein.
Sie wächst nur an ihrer Spitze. Von Zeit zu Zeit bildet
sich dort eine Trennwand und es entsteht eine neue Hyphe.
Mehr oder weniger häufig verzweigen sich die Hyphen,
oder sich wachsen auch mit anderen Hyphen zusammen. Vereinigen
sich viele Hyphen zu einem dicken Bündel, spricht man
von einem Myzelstrang, wie man ihn etwa unter der Rinde eines
abgestorbenen Astes oder an der Stielbasis eines Fruchtkörpers
sehen kann.
Der Stiel eines Steinpilzes
oder irgend eines anderen Pilzes sieht unter dem Mikroskop
also aus wie ein Riesenbündel verschlungener, gekochter
Spaghetti. Und mit dem Hut darauf gibt es dann eben einen
Spaghettistrauss. Meine Zeichnung des Pilzfruchtkörpers
ist sehr schematisch und enthält einen nicht zu korrigierenden
Fehler: Das "Spaghettibündel" des Pilzstiels
besteht (auf der Zeichnung) vielleicht aus etwa 100 einzelnen
"Spaghetti". In Wirklichkeit ist der Stiel eines
3 cm dicken Steinpilzes aber aus ein paar Dutzend Millionen
(!) Hyphen aufgebaut.
An gewissen Stellen,
besonders auf der Hutoberfläche und der Stielaussenseite
bilden die Hyphen häufig besondere Endzellen. So können
z.B. diejenigen der Huthaut klein und sehr eng verflochten
sein. So gibt es eine kompakte Haut, die alles Darunterliegende
vor dem Regen schützt. Die sonderbarsten Endzellen wachsen
aber auf der Hutunterseite, d.h. auf den Lamellen oder in
den Röhren. Sie sind so wichtig, dass ihnen und ihrer
Funktion ein besonderer Brief gewidmet sein soll. Bis dahin
sei gegrüsst von
Deinem Xander
Legende
a:
Schematische Zeichnung der Hyphenstruktur eines Pilzfruchtkörpers.
b:
Teilstück einer dickwandigen Hyphe mit einer Trennwand
(T)
c:
Verzweigtes Ende einer dünnwandigen Hyphe.
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Zum 10. Brief
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