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Xanders
vierter Pilzbrief
Lieber
Jörg
Dies
ist also die angekündigte zweite "Pilzsprachstunde",
und Du weisst, ihr Thema ist der Stiel der Blätter-
und Röhrenpilze. Geradezu in die Augen springend
ist der Stiel im allgemeinen zwar nicht; aber er hat eine
wichtige Aufgabe: Nicht nur hält der Stiel den Hut, er
hebt ihn auch über den Erdboden oder seine sonstige Unterlage
hinauf in die Höhe.
1.
Hut und Stiel (Abbildungen 1 - 6)
Meist
sind Hut und Stiel fest miteinander verbunden, sie sind homogen
; denn ihr Fleisch ist einigermassen gleich aufgebaut.
Andere Pilze sind aber heterogen, d.h. ihr Hut löst sich
leicht vom Stiel ab, weil zwischen den beiden eine besonders
ausgebildete Zwischenschicht besteht. Bei den meisten Pilzen
befindet sich die Ansatzstelle des Stiels genau in der Hutmitte;
der Hut ist zentral . Manchmal ist er aber
exzentrisch , d.h. zwischen der Hutmitte
und dem Rand befestigt. Trägt der Stiel den Hut ganz
an dessen Rand, bezeichnet man dies als seitlich
oder lateral . Und schliesslich kann der
Stiel sogar ganz fehlen; der Fruchtkörper ist dann ungestielt.
Das kommt etwa bei Pilzen vor, die nicht auf dem Erdboden,
sondern auf einem Ast wachsen und darum sowieso etwas in die
Höhe gehoben sind.
Beim
Stiel selbst gibt es Form, Farbe, Oberfläche, Konsistenz,
Basis und Reste der äusseren und der inneren Hülle
festzustellen.
2.
Stielform (Abb. 7 - 15)
Ist
ein Stiel von oben bis unten überall etwa gleich dick,
bezeichnet man ihn als zylindrisch. Er kann
aber auch gegen oben verjüngt oder
gegen unten verjüngt sein: letzteres
heisst auch ausspitzend oder zugespitzt
. Ist er an beiden Enden zugleich verjüngt,
nennt man ihn spindelig . Ausdrücke
wie bauchig, aufgeblasen, keulig, verdreht, fadenförmig
und borstenförmig erklären sich eigentlich von selbst;
zur Sicherheit habe ich trotzdem auf der übernächsten
Seite einige erklärende Zeichnungen gemacht.
3.
Stielfarbe
Was
ich im letzten Brief über die Hutfarbe geschrieben habe,
gilt auch für den Stiel. Also, nochmals durchlesen! Und
beachte bitte: Pack den Pilz nie mit der Faust, sondern halte
ihn wie ein rohes Ei sorgfältig zwischen Daumen und Zeigefinger!
4.
Stieloberfläche, Stielbekleidung (Abb. 16 - 24)
Die
Stieloberfläche kann sehr verschieden sein: kahl
oder behaart, trocken, feucht
oder schmierig, glatt gerillt, gefurcht, bereift,
mehlig, körnig, faserig, runzelig, grubig, genetzt ,
flockig oder schuppig .
Ist der Stiel genattert , so vermagst Du
mit einiger Fantasie horizontale Bandmuster auszumachen, die
gleich oder verschiedenfarbig sein können. Die ursprüngliche
Stielhaut oder aber die Reste der allgemeinen Hülle wurden
durch das Längenwachstum des Stiels aber zerrissen. Sind
diese Bänder sehr klar und (fast) ohne Querrisse, wird
der Stiel als gegürtelt bezeichnet.
Im Übrigen braucht ein Stiel ganz und gar nicht auf seiner
ganzen Oberfläche die gleiche Bekleidung oder die gleiche
Farbe aufzuweisen. Besonders das oberste Drittel sieht manchmal
ganz anders aus als der untere Teil. So hat es vielleicht
gleich unter dem Lamellenansatz ein vom Stiel verschiedenfarbiges
und sehr hübsches Kränzlein von feinsten Kriställchen
oder winzigen Tröpflein.
5.
Stielfleisch, Konsistenz der Stieltrama (Abb. 25 und 26)
Der
Stiel bzw. sein Fleisch kann hart oder weich
, steif oder biegsam ,
brüchig oder sogar gebrechlich
, korkig oder zäh
sein. Es gibt auch ausgesprochen fleischige
, knorpelige , borstenartige
oder faserige Stiele. Manche sind
im Schnitt hohl oder ganz einfach voll
. Ist der Stiel hohl, seine Höhlung aber wie
die in einem Holunderast mit lockerem Mark- oder watteartigem
Material ausgefüllt, bezeichnet man ihn als ausgestopft
. Und wenn sich im Hohlraum einzelne Querwände
zeigen, spricht man von einem gekammerten
oder zellig - hohlen Stiel.
- Die innere Struktur eines Stiels hat natürlich etwas
mit seiner Festigkeit zu tun. Ob wohl die Hochbautechniker
wissen, dass die Pilze auch schon den "Turmbau studiert"
haben?
6.
Stielbasis und Reste der äusseren Hülle (Abb. 27
- 35)
Typischerweise
kann die Basis stumpf, rübenförmig, ausspitzend
(=zugespitzt), wurzelnd (es sieht nur wie eine Wurzel aus,
ist aber keine) oder knollig sein. Manchmal ist die Knolle
wie abgesetzt, die Basis wird dann als gerandet-knollig bezeichnet.
Dieses Rändlein hat etwas mit der allgemeinen Hülle
zu tun. Ihre Reste können aber auch anders aussehen und
die Stielbasis darum lappig - bescheidet
, warzig - gegürtelt
oder beschnitten sein. In sehr
seltenen Fällen wächst der Pilz aus einem Sklerotium
, aus einem sehr harten Dauermyzel .
7.
Rest der inneren Hülle, Ring, Manschette (Abb. 36 - 40)
Wenn
der Pilz eine innere Hülle aufweist, kann diese spinnwebartig
(= haarschleierförmig ), schleimig
oder häutig sein. Dementsprechend
bilden die Hüllreste an der oberen Stielhälfte einen
haarförmigen , schleimigen ,
flockigen oder häutigen Ring
. Der häutige Ring ist vielleicht aufsteigend
(d.h. nach unten abziehbar), hängend
(nach oben abziehbar), verschiebbar
(= beweglich ) oder auch doppelt
. Dazu kann er glatt oder gerieft
sein. Oft sind die Ringreste aber sehr vergänglich
oder flüchtig , d.h. man sieht
sie nur am ganz jungen Fruchtkörper gut. Anderseits kann
es auch, allerdings nur recht selten vorkommen, dass ein aufsteigender
Ring bis zur Stielbasis hinunter abziehbar ist; einen solchen
Stiel bezeichnet man als gestiefelt .
Auch
dieser Brief ist ein bisschen lang geworden. Manchmal weisen
die Stiele aber auch wirklich sehr viele Merkmale auf.
Bis
zum nächsten Mal sei herzlich gegrüsst von
Deinem
Xander
Hut
und Stiel (Abb. 1 - 6)
1. Hut
und Stiel homogen (fest verbunden)
2. Hut
und Stiel heterogen (trennbar)
3. Stiel
zentral
4. Stiel
exzentrisch
5. Stiel
lateral (seitlich gestielt)
6. Fruchtkörper
ungestielt
Stielformen
(Abb. 7 - 15)
7. Stiel
zylindrisch
8. Stiel
gegen oben verjüngt
9. Stiel
ausspitzend, zugespitzt
10. Stiel spindelig
11. Stiel bauchig
12. Stiel aufgeblasen
13. Stiel keulig
14. Stiel verdreht
15. Stiel faden-
borstenförmig
Stieloberfläche,
Stielbekleidung (Abb. 16 - 24)
16. Stiel faserig
17. Stiel gerillt
18. Stiel gefurcht
19. Stiel körnig
20. Stiel grubig
21. Stiel genetzt
22. Stiel schuppig
23. Stiel genattert
24. Stiel gegürtelt
Stielfleisch
(Abb. 25 und 26)
25. Stiel hohl
(A), ausgestopft (B), enghohl (C)
26. Stiel gekammert,
zellig-hohl
Stielbasis
und Reste der äusseren Hülle
(Abb.
27 - 35)
27. Basis stumpf
28. Basis rübenförmig
29. Basis wurzelnd
30. Basis knollig
(A), mit Knöllchen (B)
31. Basis kreiselförmig
(A), gerandet knollig (B)
32. Basis lappig
bescheidet
33. Basis warzig
gegürtelt
34. Basis mit
kreisförmig beschnittener Scheide
35. Basis einem
Sklerotium entspringend
Reste
der inneren Hülle, Ring, Manschette
(Abb.
36 - 40)
36. Ring spinnwebartig,
haarschleierförmig
37. Ring aufsteigend
38. Ring hängend
39. Ring beweglich
40. Stiel gestiefelt
(A), Ring doppelt (B) |
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