Xanders
zweiter Pilzbrief
Lieber Jörg
Vielen Dank für
Deine Nachrichten. Meinen Rat, die Augen bewusst offenzuhalten,
hast Du offensichtlich befolgt und darum auch schon manches
im Wald entdeckt, das Du früher einfach übersehen
hattest. Du hast auch sicher recht, wenn du feststellst, die
von Dir gefundenen Pilze gehörten zum weitaus grössten
Teil der Gruppe der Blätterpilze an. Unter den grossen
Pilzen stellen sie wirklich die zahlreichsten Vertreter; bei
den sehr kleinen Pilzen ist dies allerdings ganz anders.
Sprechen
wir zunächst also von den Blätterpilzen.
Wenn aber zwei von etwas reden, hat dies nur dann einen Sinn,
wenn die beiden sich auch verstehen, wenn sie die gleiche
Sprache sprechen. Ärzte und Juristen haben auch ihre
Sprache. Ich verstehe sie aber nicht, sind mir doch ihre Fachausdrücke
absolut fremd. Wenn wir uns jetzt also über das Fachgebiet
Pilze unterhalten wollen, kommst Du nicht darum herum, die
Pilzsprache zu erlernen.
Mein
zweiter Brief ist darum für Dich eine Pilzsprachstunde,
die Dir sagt, wie man die Teile
des (Pilz-)Fruchtkörpers benennt. Ja, Du hast
richtig gelesen: es heisst "Pilzfruchtkörper".
Die Fachleute wissen eben, dass der "Pilz" nicht
nur aus dem über dem Boden sichtbaren Fruchtkörper
besteht, sondern auch noch aus einem zweiten Teil,
dem dauerhaften Myzel , das - meist nicht
von blossem Auge sichtbar - in der Erde, im Holz oder in einem
faulenden Stengel verborgen ist und darin lebt. Diese Unterlage,
die dem Pilz natürlich die Nahrung liefert, bezeichnet
man übrigens als Substrat . Am Ende
des Briefes habe ich Dir einen Fruchtkörper gezeichnet,
das eine Mal von vorn und daneben auch noch einen im Schnitt;
denn einige der wichtigsten Merkmale erkennt man besser, wenn
der Fruchtkörper in seiner Längsrichtung und genau
in der Mitte durchgeschnitten worden ist. - Bei (fast) allen
Blätterpilzen kannst Du Hut , Lamellen
(so sagt man den Blättern meistens) und Stiel
unterscheiden.
Hut: Die ganze Hutoberfläche ist mit einer Huthaut
überzogen, und darunter liegt das Hutfleisch (oder die
Huttrama). Zuäusserst ist der Hutrand, innen die Hutmitte . Die engste
Zone in der Mitte wird als Scheibe bezeichnet. Manchmal finden
sich auf der Hutoberfläche auch noch Flocken, Warzen,
Schuppen, Fasern oder dergleichen. - Die wichtigste Aufgabe
des Hutes besteht darin, die Lamellen zu
tragen und auch zu schützen (z.B. vor dem Regen). Festgehalten
und auch in die Höhe gehoben wird der Hut vom Stiel
. Dessen oberste Stelle heisst Stielspitze
. Möglicherweise hat es am unteren Stielende,
d.h. an dessen Basis (oder am Stielfuss
) eine Knolle. In der oberen Stielhälfte
weisen die Zuchtchampignons und manche andere Pilzfruchtkörper
einen häutigen oder klebrigen Ring
auf. Bei ganz jungen Fruchtkörpern ist dieses Gebilde
- man bezeichnet es als innere Hülle
oder Velum partiale
- mit dem Hutrand verbunden und schützt die noch jungen
Lamellen. Schirmt der Hut auf, so reisst die Hülle, und
ihre Reste bleiben als Ring am Stiel oder auch als Fetzen
am Hutrand hängen. Bei einigen Pilzarten wie zum Beispiel
dem Knollenblätterpilz stecken ganz junge Fruchtkörper
in einer äusseren Hülle
(auch Velum universale
genannt), die sie wie die Schale eines Eies umgibt.
Wächst der Stiel in die Länge, zerreisst die äussere
Hülle. Teile von ihr bleiben manchmal als Flocken
oder Warzen auf dem Hut liegen;
meist können sie leicht weggewischt werden. Die am Stielfuss
zurückbleibenden Reste der äusseren Hülle können
sehr verschieden aussehen. Sind sie häutig und einigermassen
ausgeprägt, spricht man von einer Volva
oder einer Scheide. Das wäre also die
erste Pilzsprachstunde gewesen. Mach Dich noch auf weitere
gefasst und sei inzwischen gegrüsst von
Deinem
Xander
Die
Teile eines Blätterpilzfruchtkörpers:

3. Brief: Der Hut der Blätterpilze
und der Röhrlinge
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