|
Xanders
zehnter Brief
Lieber Jörg,
Sicher
erinnerst Du Dich an meinen Brief über den inneren Aufbau
eines Pilzfruchtkörpers. Im gleichen Brief schrieb ich
aber auch, dass alle die Hyphen, Endzellen und anderen Feinstrukturen
nicht einmal mit einer starken Lupe, sondern nur mit dem Mikroskop
beobachtet werden können. Wenn Du also in die tieferen
Geheimnisse der Pilzwelt eindringen willst, solltest Du Dir
einmal Zeit zu einem solchen Gerät verschaffen. Dazu
sehe ich drei Möglichkeiten:
-
Ob ein Pilzkontrolleur ein Mikroskop
besitzt, kann ich Dir natürlich nicht sagen. Als
rechte Hand der örtlichen Gesundheitsbehörde
soll er nämlich die ihm vorgelegten Pilze lediglich
kontrollieren: Dir die essbaren wieder ins Körbchen
zurücklegen und die ungeniessbaren oder gar giftigen
wegwerfen. Dazu benötigt er das Mikroskop nicht.
Wenn er trotzdem eines hat, wird er sicher bereit sein,
Dir zu zeigen, wie man es handhabt.
-
Du kannst Dich auch einem Pilzverein
anschliessen, nachdem man Dir versichert hat, man würde
an den Bestimmungsabenden auch mit dem Mikroskop arbeiten.
-
Wenn sich diese beiden Wege nicht als
gangbar erweisen, lade ich Dich ein, ein paar Tage Deiner
nächsten Ferien bei mir zu verbringen. Anhand meines
eigenen Mikroskops werde ich Dir dann zeigen, wie man
dieses Instrument behandelt und was man damit tun kann.
Heute möchte ich bei meinem letzten
Brief anknüpfen und Dir etwas sagen über die
Basidien.
So bezeichnet man
die sonderbarsten - aber zugleich auch die wichtigsten - Endzellen
der Hutunterseite. Diese hochspezialisierten Zellen stellen
übrigens den einzigen Grund dar, warum das Myzel überhaupt
Fruchtkörper produziert. Das sich Menschen an den Pilzfruchtkörper
gütlich tun - oder sich daran vergiften - kümmert
den Pilzorganismus nicht im geringsten. Wie alle Lebewesen
pflanzen sich auch die Pilze fort, um ihre Art zu erhalten.
Dabei stellen die Basidien die Grundzellen dieses Fortpflanzungsprozesses
dar.
Abbildung
1 zeigt Dir, wo sich die Basidien bei den Blätter-
und Röhrenpilzen befinden: Bei den Blätterpilzen
entstehen sie auf den Flächen der Lamellen und meist
auch auf deren Schneiden (Abb.1A), bei den Röhrlingen
im Innern der Röhren (Abb.1B). Beachte nebenbei, dass
den Fortpflanzungszellen verglichen mit dem kleinen Raum,
den sie einnehmen, eine sehr grosse Fläche zur Verfügung
steht. Wahrscheinlich kennst Du den Riesenschirmling (Parasol,
Macrolepiota procera). Versuche einmal, die Oberfläche
aller Lamellen zu berechnen; vergiss dabei aber nicht, dass
jede Lamelle zwei Flächen hat!
Basidien weisen nicht
eine bestimmt Form auf, vielmehr können sie sehr viele
verschiedene Formen haben. Abbildung 2
zeigt Dir die wohl häufigste davon: Die Hyphenenden (die
Spaghettienden) in den Lamellen oder Röhren schwellen
keulenförmig an (Abb. 2 A). In diesem Anfangsstadium
bezeichnet man die Zellen als Basidiolen.
Während eines bestimmten Entwicklungszustandes des Fruchtkörpers
ist die gesamte Oberfläche der Lamellen (bzw. die Innenfläche
der Röhren) bedeckt mit einer Riesenmenge gedrängt
stehender Basidiolen. Der unterste Teil (I) wird dabei als
Basis, das oberste Ende (II) als Spitze bezeichnet.
Ein bisschen später
kann man an der Spitze hornförmige Auswüchse erkennen;
meist sind es deren vier (Abb. 2 B). Die Hörnchen verlängern
sich und ihre Spitzen schwellen mehr oder weniger kugelförmig
an (Abb. 2 C). Diese Kügelchen stellen die Anfangsstadien
der jungen Sporen dar. Natürlich
wachsen sie weiter und werden mit der Zeit zu vollausgereiften
Sporen (Abb. 2 D). Das Stielchen, auf dem sie gewachsen sind
(III), wird dabei als Sterigma
bezeichnet. Dieses zerbricht irgendwo und die Sporen fallen
weg oder werden sogar weggeschleudert. Kleine Luftströmungen
tragen sie fort - nicht selten über sehr grosse Entfernungen.
Irgendwo fallen sie zu Boden, wo sie keimen. Doch dies wird
das Thema eines meiner nächsten Briefe sein.
Während dieser
äusseren Entwicklung geschehen die grundlegenden Veränderungen
aber im Innern der Basidie. Abbildung 3
zeigt Dir lediglich eine der verschiedenen
Möglichkeiten. (Die Natur ist so geschaffen, dass sie
verschiedenste Wege beschreitet, um die Arten sich vermehren
zu lassen. Die Pilze machen hier keine Ausnahme. Im Gegenteil,
sie geben Zeugnis von einem überquellenden Einfallsreichtum).
Anfänglich hat die Basidiole zwei Zellkerne
(Abb. 3 A). In einer ersten Phase verschmelzen die beiden
Kerne (Abb. 3 B) zu einem einzigen, was als Karyogamie bezeichne
wird. Kurz darauf teilt sich der Kern (Abb. 3 C) und gleichzeitig
bildet sich in der Basis der Basidie eine Vakuole
(IV). Eine weitere Teilung (Abb. 3 D) führt zu vier Kernen,
die gegen die Basidienspitze steigen. Die Teilkerne werden
dabei etwas länglich (Abb. 3 E ), damit sie leicht durch
den schmalen Durchgang der Sterigmen - ein Kern pro Sterigma
- hindurchwandern können (Abb. 3 F). Sowohl Sporen als
auch die Vakuole sind mittlerweile weitergewachsen. In einer
letzten Phase (Abb. 3 G) vergrössern die Sporen nochmals
ihr Volumen und meist bildet sich in den Sterigmen eine Trennwand:
Jetzt sind die Sporen reif und brechen ab.
Den ganzen Vorgang
unter dem Mikroskop zu beachten, ist alles andere als leicht;
in einem gut eingerichteten Labor ist dies aber sehr wohl
möglich.
Die Zeit, die zwischen
der Bildung des Basidiolen und dem Wegfallen der Sporen verstreicht,
kann sehr verschieden lang sein. Sie ist um so kleiner, je
kürzer die Lebensdauer des Pilzfruchtkörpers beträgt.
Nur wenige Stunden beträgt sie bei gewissen Tintlingen,
die auf Mist wachsen und nach einer einzigen Nacht schon vergehen.
Anderseits kann ein Eierschwamm (Cantharellus cibarius)
zwei volle Monate brauchen, bis er sich vom Kragenknopf
zum vollausgewachsenen Fruchtkörper entwickelt hat. Trotzdem
wird für eine bestimmte Basidie die Entwicklungszeit
bis zur Sporenreife kaum mehr als ein paar Tage dauern.
Dies soll für
heute genügen; denn die
Sporen verdienen es, dass man länger bei ihnen verweilt.
Wie gesagt sollen sie deshalb das Thema meines nächsten
Briefes sein. Bis dahin sei gegrüsst von
Deinem Xander
Die
Basidien
Fig.
1:
A. Stelle der Basidienbildung bei
den Blätterpilzen
B. Stelle
der Basidienbildung bei den Röhrlingen
Fig.
2:
A. Basidiole;
B. Sterigmen
bilden sich;
C. Sporen
bilden sich;
D. Basidie
mit reifen Sporen.
Basis (I) und Spitze (II) einer Basidie.
Sterigmen (III).
Fig.
3:
A. Basidiole
mit 2 Zellkernen;
B. Verschmelzung
der beiden Kerne;
C. Erste
Kernteilung und Bildung der Vakuole (IV);
D. Zweite
Kernteilung;
E. Wanderung
der 4 Kerne zur Basidienspitze;
F. Junge
Sporen mit Kernen;
G. Reife
Sporen mit grosser Vakuole in der Basidie.
|
|
|